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08 Februar 2024

Seltsames in Kettig

Das ungeneustige Wetter versuchte mir in den beiden letzten Tagen die Stimmung zu vermiesen. Aber da ich an beiden Tagen schöne Begegnungen hatte, liefen diese Bemühungen komplett an mir vorbei.

Mein gestriger Trip führte mich zur Heilpraktikerin meines Vertrauens nach Kettig. (Ja genau, Müllem, Kehrlich, Keddisch - watt es der Weesch suh dreggisch) Als ich nach dem guten Beratungstermin wieder zum Parkplatz kam, entdeckte ich etwas, das auf eine ungewöhnliche Liebesbeziehung hindeutete.

Die Bank mit dem vergessenen Handschuh

Wer hinterlässt denn seinen/ihren weißen Handschuh auf der Parkbank und stellt ein Auto mit der Aufschrift "ich liebe dich" direkt dahinter? Ob das wohl eine Kettiger Eigenart ist? Sachen gibt's ...

Da ich zu Hause noch einige Dinge zu erledigen hatte, konnte ich das weitere Geschehen leider nicht vor Ort verfolgen. Vor allem wollte ich mein Auto noch im Hellen komplett ausräumen, denn das war Bedingung für meinen heutigen Termin. Was sich nicht alles ansammelt in einem Auto, ist unglaublich. Dinge, von denen ich längst vergessen hatte, dass sie existieren. Die St.Josefs-Werkstätten der Barmherzigen Brüder in Saffig hatten mir für heute einen Termin gegeben, um meinem treuen Oldiemobil die erste Komplettreinigung seines Autolebens zu verabreichen. 

Das ist jetzt nicht meiner ...

Ich finde, das hat er nach fast 20 Jahren Lebenszeit auch mal verdient, zumal mein allerbester Auto-Toni mir beim letzten Werkstattcheck berechtigte Hoffnung auf 2 Jahre Verlängerung gemacht hatte, wenn er im Winter wieder über den TÜV muss.
Zur Schönheits-OP musste ich mein Gefährt heute Morgen um 8(!!) Uhr in Plaidt abgeben, also mitten in der Nacht.

Gesagt - getan, und zum Glück habe ich eine so hilfsbereite Großcousine, die sich angeboten hatte, mich dort abzuholen und um 16 Uhr auch wieder dorthin zu bringen, um das saubere Auto abzuholen. Dazwischen verbrachten wir einen sehr schönen Tag mit einem kleinen Frühstück bei mir, ebenso mit der Zubereitung eines großen Ofengemüses, bei der Gisela mich tatkräftig unterstützte. Den Nachmittag nutzten wir  zu einer kleinen Wohnzimmerlesung bei ihr, dann kam ihre Freundin dazu und es wurden glutenfreie Leckereien und Kaffee serviert. Kurzum, es war ein schöner Tag und als Gisela mich wieder bei meinem Auto ablieferte, wurde mir wieder mal sehr bewusst, wie gut ich es habe.

Mein Wagen strahlte wie noch nie in seinem Leben, auch der fühlte sich richtig wohl Durch die Scheiben konnte ich auf dem Heimweg wieder die Landschaft drumherum klar sehen, es war toll!

Wünsche Euch allen eine gute Nacht und schöne Träume.

04 Februar 2024

Lazing on a sunday afternoon

Es war mal wieder ein Faulenzertag angesagt. Meine liebe Freundin Nicole Maria hatte mich in ihr kleines Bergdorf eingeladen, um mich dort mit einem leckeren Mittagessen zu verwöhnen - und noch ein Nachtisch dazu!

Idyllisch gelegen, nicht wahr?

Ich kann Euch sagen, es war ein Gedicht! Plimpo begrüßte mich aufgeregt bellend als Erster an der Tür, bevor ich meine Gastgeberin in den Arm nehmen konnte. Es erwartete mich ein kleines Buffet auf dem Esstisch mit vielen leckeren Sachen und Gewürzen. Von Quinoa über Blattspinat zu Süsskartoffel-Chips und Möhrchen mit Petersilienwurz und vieles mehr, ich konnte es richtig genießen. Und zu einer Kokos-Bananen-Creme als Nachtisch sagte ich auch nicht nein.

Wie immer hatten wir beide uns auch diesmal wieder viel zu erzählen und am Ende rundete eine kleine Wohnzimmerlesung der neue Mike-Neuhaus-Kurzgeschichte die schönen Stunden ab. Ich fuhr noch im Hellen zurück nach Hause, verzichtete guten Gewissens auf die tägliche Frischluftrunde und widmete mich stattdessen den Aufzeichnungen des Fußballtags und einem schönen Gesangsstück meiner Freundin, das ich mit meinen technischen Hilfsmittel per Funk direkt in mein Ersatzohr einspeisen konnte. Und ja, wir machen das jetzt öfter 🥰

25 Januar 2024

Vollmond-Tage mit Globuli

Nachdem der gestrige Tag vor dem Vollmond sehr schön verkaufen ist, wurde die Nacht eine richtige Vollmondnacht. Mir lief die Nase, ich konnte nicht pennen, bekam Durchfall und fühlte mich heute Morgen wie ein kranker Zombie.

Nach dem Aufstehen quälte ich mich zum Frühstück und war mir sicher, dass ich mir irgendein Drecksteil  von Virus oder Bazillus eingefangen hatte. So schnell geht das. Oder ob irgendwas vom gestrigen Essen nicht in Ordnung war? Die Rückfrage bei Elvira erbrachte, dass sie keinerlei Beschwerden hat, am Essen kann es also nicht gelegen haben. Als mir dann auch die Beine etwas wacklig wurden und ich zu schwitzen begann, dachte ich kurz daran, den heutigen Besuch von George Farmer abzusagen, auf den ich mich so gefreut habe.

Aber dann erinnerte ich mich an den Ratschlag meiner Heilpraktikerin, die restlichen Globuli (Spenglersan-G-Kit) meiner Hausapotheke zuzuführen. "Für den Fall, dass mal etwas im Anflug ist und Sie merken das." Gesagt getan, nach dem Frühstück legte ich die ersten 16 Kügelchen unter meine Zunge und es wurde etwas besser. Jetzt stand der Entschluss: Ich kämpfe mich da durch.

Den guten Georgie hatte ich für 15 Uhr zum Ofengemüse gewinnen können, und das begann ich um halb zwei zuzubereiten. Mitten in dem Geschnippel nahm ich die nächste Dosis der feinen Kügelchen - und es wurde noch etwas besser. Nun lief alles wieder gut. Der Durchfall hatte nachgelassen, die Psyche krabbelte langsam wieder nach oben, und als der gute George klingelte, war das Ofengemüse fast servierfertig.

Das Essen mundete und wir hatten uns viel zu erzählen. Und so wurde es ein schöner langer Nachmittag, unterbrochen von einer kleinen Mike-Neuhaus-Lesung und am langen Ende abgerundet mit Espresso und Kräuterfusel. Die gute Laune ist mir trotz Drohgebärde anzusehen.

Der AnnaManni

Mein Freund George Farmer













Beim vereinbarten Gegenbesuch in den nächsten Wochen kann ich mich vielleicht bei der guten Jule entschuldigen, denn ihr galt diese freundliche Drohgebärde 🥳.

So wurde aus einem miesen Vollmond-Tag doch noch ein schöner Tag. Mit der dritten Portion Globuli am Abend ist nun auch hoffentlich alles wieder gut.

22 Januar 2024

Was ein Tag so alles ausmacht

Ein erstaunlicher Tag, auch ein voller Tag, ein erstaunlich voller Tag.
Zwischen Frühaufstehen, Arzttermin, Rindersteak mit Salat machen und futtern, eMails schreiben und dem geliebten abendlichen Schreibkurs bei der VHS gelang es mir, Zeit zu finden oder besser mir die Zeit zu nehmen, um noch meine Frischluftrunde am Rhein zu drehen. Ja, ich bin ein wenig stolz darauf, freue mich auch über kleine Sachen.

Nur einen Tag nach meinem Snowwalk am River Rhine hatte ich diese Bilder nicht erwartet. Am Bollwerk empfing mich ein schöner Dreiviertel-Mond am blauen Himmel direkt über den Bäumen.

In drei Tagen wird er voll sein

Der Weg vom Bollwerk zum Biergarten war gänzlich schneefrei.

Auf dem weiteren Weg zum Alten Krahnen war der Schnee durch große Pfützen ersetzt worden.

Unterwegs waren auf der Wiese nur noch die jämmerlichen Überreste eines Schneemanns zu finden, kann auch eine Schneefrau gewesen sein.

Schmelze in Frieden!

In Richtung Leutesdorf war blauer Himmel angesagt, bei Temperaturen knapp unter 10°C. Frühling?

Blue sky over Peoplesvillage

Der Alte Krahnen bot heute eine ganz besondere Konstellation, Über dem (schneefreien) Dach zeigte die Antenne, aus der sonst die mysteriösen Chemtrails in die Luft strömen, genau auf den Mond. Als wenn der kleine Erdtrabant darauf parken wollte, während sich von links ein Raubvogel nähert. Ob der den Mond gleich wegpickt?

Genau hinsehen!

Auf dem Rückweg fiel mir dann doch eine Sache unangenehm auf. Bei der gestrigen Schneedecke hatte sich wohl nicht jeder Hundebesitzer genötigt gefühlt. die Hinterlassenschaften seines treuen Begleiters aufzusammeln. Mir fiel sofort der alte Hit ein: 

Das macht doch nichts - das merkt doch keiner! Kuckuck!

Aber sei's drum, nach der Schneeschmelze war der Fußweg übersät von grünlichen Tretminen, die wir früher "Hartmut" genannt haben. Selbst Simones Engel flehte wohl den Himmel an, damit die Sauerei wegkommt.

Oh Herr, mach die Dinger weg!
Viele grüne Hartmuts
















So wurde dieser Weg auch zum Achtsamkeitstraining, nachdem der Schnee gestern mir ein gutes Gleichgewichtstraining beschert hatte. Hat also alles seinen Sinn.

Zu Hause bereitete ich nochmal die Sachen für den Schreibkurs vor, denn heute konnte ich erstmals nach sehr langer Zeit wieder einen eigenen Beitrag präsentieren, dessen Erstellung mir selbst einige bisher unbeachtete Zusammenhänge in meinem Text offenlegte. Hat sich also gelohnt, in jeder Hinsicht.

Und die Moral von der Geschicht' - die paar Hartmuts stör'n mich nicht!

09 April 2023

Auf den Spuren von Mike Neuhaus

Die heutige Frischluftrunde mit einer lieben Freundin führte uns durch einen nahegelegenen Park. Nachdem sich morgens schon ein sonniger Tag angekündigt hatte (hab ich mir sagen lassen), zog es sich nachmittags doch wieder etwas zu, bleib jedoch trocken.
Wir entdeckten einen herzerfrischend bunten wilden Garten an einem angrenzenden Wohnhaus, der war so ganz nach unserer beider Geschmack.

Ein Entenpärchen bewachte indessen das Insektenhotel mit dem kleinen Getränkevorrat.

Richtig interessant wurde es für mich, als mir einige wohlbekannte Ecken ins Auge fielen, die für meinen Romanprotagonisten Mike Neuhaus als Vorlage für die Kulisse gedient hatten. Wie z.B. der heute noch vorhandene, verstrüppte Ententeich.

Neben diesem befand sich auch heute noch ein großer Busch, unter dem der Nebendarsteller Dieter Schläger seine heimlichen Biervorräte deponiert hatte.

Und schließlich ein Gebäudeeingang mit danebenliegender Aufzugstür, welche das Vorbild für den Eingang zu Haus Kunibert darstellt.

Mein Roman(anti-)held Mike Neuhaus hätte heute seine wahre Freude gehabt. Nachdem ich irgendwann wieder zu Hause vor der Glotze saß, um meine blau-weißen Jungs anzufeuern (leider vergeblich), fielen mir die Schnappschüsse von gestern ein, die mir der andere Mike, mein Kumpel Mike T-Bone geschickt hatte. Und so nutze ich die Gelegenheit, mich selbst auf unserer gestrigen Tour auch noch einmal ins rechte Licht zu setzen.





So bleiben auch für mich schöne Erinnerungen im blog festgehalten, die mich im Rückblick daran erinnern werden, wie gut es mir in diesem Moment ging. Kaum zu glauben, dass ich nun schon 18 Jahre blogge. Ich habe den blog mittlerweile schon oft selbst benutzt, um etwas nachzuschlagen. Wann war ich nochmal in Wolkenkuckucksheim? WAAAS???!!! Schon so lange her, das kann doch gar nicht sein. Die zeitliche Erinnerung trügt mich mit zunehmendem Alter immer mehr. Aber hier stehen zum Glück die Fakten.

12 September 2022

Open-Air-Lesung am Kreuz

Für die heutige Frischluftrunde hatte sich als willkommener Begleiter Altkumpel Mike T-Bone angemeldet. Wir wollten den vielleicht letzten Schönwettertag in diesem Jahr für einen Ausflug mit vielen schönen Ausblicken nutzen. Spontan beschlossen wir, heute mal wieder in die Höhe zu gehen. Vom Parkplatz auf dem Berg aus ging es durch viele weite Felder in Richtung Westen, wie wollten ans Kreuz. Vor dem letzten Anstieg gab es noch eine Rastbank, am der sich Mike an der wunderbaren Aussicht erfreute.
Mas konnte schon von hier aus einen Blick bis weit über die andere Rheinseite werfen.

Erste Aussicht von der Bank aus

Nach einer kurzen Rast ging es noch einige kräftige Meter aufwärts. Lt Google Maps sind es ca. 130 Höhenmeter bis an unser Ausflugsziel. Das Kreuz!




Ich kannte diesen Ort bereits von einigen Besuchen, Mike war zum ersten Mal hier und staunte nicht schlecht, vor allem über den nochmal besseren Weitblick, den man von diesem idyllischen Plätzchen  aus hat. Hier machten sich dann die Höhenmeter bemerkbar und wir nutzten die Verweilpause für eine kleine Open-Air-Lesung meiner neuen Kurzgeschichte über Mike Neuhaus. 

So sieht der Blick übers Kreuz aus

Es war einfach schön dort oben und so wurde es eine längere angenehme Rast, bis wir uns wieder auf den Rückweg machten. Auch dort erhaschten wir nochmal einen Panoramablick, der sich im Foto leider nur unvoll-kommen wiedergeben lässt.

Weit geht der Blick über die Berge und Dörfer



Am Ende dieser schönen Runde klatschte auch der Schrittzähler Beifall und wir gönnten uns daheim noch ein leckeres kleines Abendbrot. Glutenfrei, Laktosefrei, Fructosefrei - weitestgehend 😉.
Beim Schreiben des blogs und dem Herrichten der Fotos kann ich alles nochmal schön Revue passieren lassen. Hach!

17 Mai 2022

Sommerreifen, T-Bone, und der VFL

Nachdem ich in den letzten Tagen nur auf Wegen gewandelt war, die ich schon mehrfach hier beschrieben hatte, gab es heute mal wieder Abwechslung pur. Ok, auszuschlafen habe ich mir mittlerweile zur Gewohnheit gemacht und die will ich auch beibehalten. Nach dem gemütlichen Spätstück und ausgiebiger Zeitungslektüre hatte ich nur eine Stunde Zeit für ein paar Erledigungen im Haushalt und die Beantwortung einiger Nachrichten auf dem Handy. Denn um 14 Uhr war der vereinbarte Temrin in der Autowerkstat meines Vertrauens. So langsam wird es doch Zeit für die Sommerreifen.

Mein Freund und Kupferstecher Mike T-Bone holte mich dort ab und wir drehten ganz in der Nähe der Werkstatt ein schönes Ründchen in Feld und Wiesen. Es grünt und blüht in vielen Farben, riecht in vielen Düften und wir fanden ein wirklich beschauliches Pfädchen.

The incredible Mike T-Bone

Der Weg durchs Grün


Es gab viel zu bestaunen, Pflanzen zu erraten und viel zu beriechen. An einem kleinen Hügel mit Kreuz und Bank machten wir kehrt, nicht ohne vorher ein Erinnerungsfoto geschossen zu haben.

Ich, Harvey und das Kreuz

Auf dem Rückweg zum Parkplatz diskutierten wir fachmännisch aus, welcher Baum dies und welche Getreidesorte das ist, Auswahl gab es reichlich, jedenfalls viel mehr als Ahnung auf unserer Seite vorhanden war. Zurück am Auto beschlossen wir, die Runde nach der anderen Seite des Parkplatzes zu verlängern und und noch für ne Weile an den Rhein zu gehen. Und für das Folgende Erlebnis der  dritten Art muss ich etwas vorausschicken:

Wie jeder von Euch weiß, bin ich Anhänger und Mitglied des geilsten deutschen Fußballvereins überhaupt, des VFL Bochum. Und obwohl das komplett unverständlich ist, hat dieser Verein in unserer gesamten Region nur ein paar handverlesene Anhänger. Und nun kommt wieder das Ding mit den Zufällen:

Vor etwa drei Jahren spielte mir das Universum meine frühere Lieblingskollegin samt ihres Mannes in die Fänge, der, wie könnte es anders sein, ebenfalls Anhänger dieses Vereins ist.

Voriges Jahr im April steht wegen meines gemeldeten Wasserschadens ein Mann von den Stadtwerken vor meiner Tür. Nach der Überprüfung macht er im Rausgehen eine Bemerkung über meine VFL-Fußmatte. Beim Nachfragen stellt sich heraus, dass seine Frau, Marina, glühender VFL-Fan ist. In Andernach! Seitdem bin ich mit ihr in Kontakt.

Voriges Jahr im August bei unserer Lesung in der Permakultur outete sich einer der Gäste, den ich noch nie gesehen habe, als Anhänger MEINES Vereins. Juuhuubiilee!

Vor ein paar Tagen, als ich nach dem Einkaufen gerade ins Auto gestiegen war und die Scheibe runtergekurbelt hatte, kam jemand auf mich zu und begrüßte mich freudig, Ich erkannte ihn nicht, erklärte ihm aber sofort, dass ich aufgrund meiner aktuelle Gehörschädigung kein Wort verstehe von dem, was er sagte. Oje, er bedauerte das gestenreich, wünschte mir freundlichst sowas wie gute Besserung und ging mit seiner Frau weiter.
Eine Stunde später drehte ich meine Abendrunde in den Rheinanlagen. Wer kam mir entgegen? Der gleiche freundliche Mensch mit seiner Frau, die ebenfalls noch frische Luft und Bewegung suchten. Er sprach mich langsam und deutlich an und meinte: "Ich glaube, du hast mich vorhin nicht erkannt, oder?" Ich musste zugeben, dass mir zwar das Gesicht irgendwie bekannt vorkam, aber dass ich keinen blassen Schimmer hatte, wer er ist. Als er mir seine Familiennamen sagte, erinnerte ich mich sofort, wer er ist. Der VFL-Fan Frank, mit dem wir 2010 zusammen nach Bochum gefahren sind, um unseren Verein gemeinsam anzufeuern. Die Wiedersehensfreude war auch meinerseits groß. Er wohnt um die Ecke und kommt mich demnächst besuchen.

Zurück zu heute: Wir gingen vom Parkplatz als noch das Stück zum Rhein hinunter, als uns ein Mann begegnete, der einen Kinderwagen schob. Als wir aneinander vorbeigingen, schaute er mich mit erkennendem und gleichzeitig fragendem Blick an, schaute auf mein Fan-Cappy mit dem VFL-Logo und sagte etwas, das ich nicht verstand, aber eindeutig mit "Hör mal, wir kennen uns doch?!" interpretierte. Und diesmal erkannte ich ihn zuerst: Jens, VFL-Fan, mit dem wir ebenfalls vor vielen Jahren zusammen im Bochumer Ruhrstadion waren. Er erkannte mich, hatte aber meinen Namen vergessen. Und ich freute mich, dass ich endlich mal nicht der einzige Vergesser war. Vor allen Dingen freute ich mich über das Wiedersehen. Wir verabschiedeten uns, um uns zehn Minuten später am Rhein wiederzusehen, als Jens mit seinem Sohnemann an unserer Bank anhielt, auf der wir unsere verdiente Rast am Rhein machten. So ergab sich doch noch die Gelegenheit zum Smalltalk, wenn auch getrübt durch Harvey Tinnitoso und meine verkackten Ohren. Auch wir vereinbarten, in Kontakt zu bleiben und werden uns schreiben und hoffentlich irgendwann mal wieder zusammen zum VFL fahren. Und ich werde in den nächsten Tagen raussuchen, wann wir mit Jens im Stadion waren. Oder, Jens, weißt du es noch?

Was steckt hinter all diesen Begegnungen? Mir scheint fast, dass das Universum mir die Menschen schickt. Und wenn ich sie nicht sofort erkenne, schickt es sie mir solange immer wieder, bis es klick gemacht hat. Wenn es so sein sollte: Ich fänd es gut! Und ich bin gespannt, wer als Nächstes kommt.

Nach dieser erfreulichen Begegnung überbrückten wir die Zeit mit einer Kaffeepause auf Balkonia in Pillonia und mit leckerem Gebäck aus Miesenheim. Freund Mike half mir anschließend noch mit seiner Bewertung meiner ersten Titelvorschläge für meinen geplanten Mike-Neuhaus-Roman, als die Nachricht von der Autowerkstatt kam: "In 20 Minuten fertig!". Mike setzte mich dort ab und ich fuhr mit schönen Sommerreifen wieder nach Hause. Nach einem leckeren Gemüseblech sitze ich nun hier und schreibe diesen blog-Bericht. Denn solche Tage muss man festhalten!

25 Januar 2022

Das Haus der Gestrandeten

So lautete meine erste Überschrift für einen ersten selbst geschriebenen Abschnitt im fiktiven Leben des Protagonisten Mike Neuhaus. Das war im Herbst 2016, als ich den zweiten Kurs "Kreatives Schreiben" bei der VHS Andernach besuchte
Im April 2016 hatte alles mit dem ersten Kurs angefangen. Ich schrieb bereits seit zehn Jahren unregelmäßig meine privaten blog-Berichte, alles nur intuitiv aus der Hüfte. Nun wollte ich endlich mal lernen, wie man "richtig" schreibt. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich sechs Jahre später ernsthaft daran arbeite, meinen ersten Roman fertigzustellen, den hätte ich gefragt, was er geraucht hat.

Aber heute ist es so. Fast jeden Abend arbeite ich an neuen Epsioden oder korrigiere bereits geschriebene.  Ich habe in den Jahren viel gelernt, die Dozentin Gabriele Keiser vermittelt das toll und passt das Programm laufend auf die Teilnehmer an, die im Lauf der Jahre auch immer wieder gewechselt haben. Von der Ursprungsbesetzung im April 2016 sind noch Tanja und ich übrig, aber viele der heute Aktiven sind schon sehr lange dabei.

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Visionen eine Covers

Im Schreibkurs, in der Familie und im Freundeskreis habe ich zum Glück viele tolle Menschen, die meine Entwürfe immer wieder lesen und redigieren, mir Verbesserungsvorschläge machen und mich auf logische oder inhaltliche Fehler aufmerksam machen. Dafür bin ich sehr dankbar, ohne deren Hilfe wäre ich niemals so weit gekommen. Es ist unglaublich, aber wenn ein Text von sieben Seiten zehnmal lektoriert wurde, entdecke ich trotzdem beim elften Lesen immer noch kleine Fehler.

Wir haben in den letzten drei Jahren jeweils ein Büchlein mit Kurzgeschichten veröffentlicht, zu denen lokale und regionale Künstler mit ihren Bildern ebenso beigetragen haben. 2018 haben wir daraus die erste öffentliche Lesung gemacht, im Rheintor im Rahmen der Kulturnacht. Der Zuspruch des Publikums damals hat uns Mut gemacht, viele weitere Auftritte mit uneingeschränkt positiver Resonanz folgten. Und ich bin mir sehr sicher, dass noch viele weitere Veröffentlichungen und Lesungen folgen werden.

Mittlerweile habe ich den größten Teil meiner geplanten Geschichte geschrieben, ich steuere gerade auf die 80%-Marke zu und weiß schon genau, was noch zu schreiben ist. Die Struktur steht. Ob der Roman wirklich "Das Haus der Gestrandeten" heißen wird, steht wie vieles andere noch völlig in den Sternen. Aber mit einem fiktiven Titelbild rumspinnen darf man ja schon mal, oder?

22 November 2020

Revierbesichtigung in Lützel

Auf dem Weg zur heutigen Verabredung konnte ich den alten Westernhagen-Song nicht mehr aus dem Kopf verbannen, wollte ich ja auch nicht wirklich. Und so gab ich mich im Auto dem schönen Klassiker hin und grölte lauthals mit:

Ich bin wieder hier
In meinem Revier
War nie wirklich weg
Hab mich nur versteckt
Ich rieche den Dreck
Ich atme tief ein
Und dann bin ich mir sicher
Wieder zu Hause zu sein

Wie lange hatte ich mir diese meine alten Wirkungsstätten nicht mehr mit nostalgischen Augen angesehen? Lang lang ist's her. Auch deshalb freute ich mich, dass meine alte Schreibkursfreundin Veronika mich gefragt hatte, ob ich ihr nicht mal eine Führung durch das Quartier bieten möchte, dass seit etwas einem Jahr auch ihre Wohnheimat ist. Wie mochte es dort heute aussehen, wo ich vor vierzig Jahren mit meinem Kumpel Franz zusammen die erste eigene Wohnung bezogen hatte? Und was war aus dem Haus der Gestrandeten geworden, in dem ein gewisser Mike Neuhaus sein Unwesen trieb? Gab es das Haus noch, in dessen 2.Stock eine legendäre verstrahlte WG ihren Platz gefunden hatte? Fragen über Fragen, die mir ein seliges Lächeln aufs Gesicht zauberten. Ebenso wie die liebe Veronika, mit der ich mich an der Sparkasse verabredet hatte.

Und los ging die Tour. Erstmal um die Ecke zur - halt! In dem Eckhaus war doch die alte Stammkneipe, Siggis Kaschemme, in der sich abends die einheimischen Jungs zum Tischfussball um Bierrunden einfanden, und wo spät abends die Mädels aus dem Rotlichtmilieu nach der Schicht noch ein Eierlikörchen schlabberten. Oder auch drei.
Heute eine modernisierte Eventgastronomie, jedenfalls sieht sie von außen schon so aus, dass ich gar nicht versuche zu verstehen, was daran so schön sein soll. Wie aus dem Ei gepellt sieht es aus, der ganze schöne schmuddelige Charme ist weg, den der Mau sich in Jahren hart erarbeitet hatte. Schnell weiter, direkt um die ecke dann der Schock: Die Burschenschaft gibt es immer noch, dieser verpönte Haufen, den ich schon damals nicht abkonnte, hat ein tolles Schild an der frisch renovierten Fassade. Scheiss drauf, weiter um die Ecke ist es endlich da, das Haus der Gestrandeten. Von außen noch keine großen Unterschiede zu erkennen, aber Veronika bemerkt als erste, dass das ehemalige Zimmer des Altstadtkellners neben meinem "Apartment" - dieses Wort kannten wir damals noch gar nicht - nun eine Art Balkon nach innen hat. Ein kleiner Außenbereich hinter der offenen Fassade, Und dann entdeckt sie auch die Tür von dort nach meinem Apartment zu - man hat aus diesen 2 Zimmern eine Wohnung gemacht, mit Innenbalkon. Ok, ist auch besser als diese klitzekleinen Verließe, in denen wir damals hausten.
Am Ende der kurzen Sackgasse - ist es nun gar keine Sackgasse mehr. Das Kasernentor, dass die Straße damals beendete, ist weg, mitsamt der Kaserne. Dafür stehen dort moderne Neubauten mit Moselblick. Ich bin hin- und hergerissen. Schöner ist das heute, viel schöner - aber nicht mehr das, was ich mal kannte! Wenigstens scheint die kleine Kneipe des Getränkevertriebs vor dem Kasernentor noch unverändert. Sogar der gleiche Namen auf dem Briefkasten wie damals. Chapeau! Allerdings sieht das ganze Ensemble ziemlich unbelebt aus. Ein alter Herr sitzt hinter der gläsernen Kneipentür, schaut kurz nach draußen, und dann wieder rein. Ende.

Wir spazieren um die Ecke zur nächsten Memorial-Stätte. Das Haus mit der WG. Aus dem 2.Stock mit Fenster zur Straße konnte man aus einem WG-Zimmer Bierflaschen auf den  Bürgersteig donnern. Wenn wieder einmal die Bullizei im Anmarsch war wg. nächtlicher Ruhestörung, konnte sich man von dort oben ganz gut verteidigen.
Auf den Klingeln kein Name mehr, der mir igendetwas sagt, aber den Hinterhof erkenne ich wieder. Hier landeten die Restmöbel eines Mitbewohners nach dem Auszug, als er sich geweigert hatte, pünktlich seine Bude KOMPLETT geräumt zu haben. Da mussten wir ihm in der Nacht vom 31. auf den 1. zeigen, was KOMPLETT geräumt heißt. HA!

Durch den Lützelhof ging es dann rüber zum Standort meiner alten Firma, direkt neben der Metzgerei. Beides gibt es noch, die Metzgerei mit der gleichen Besitzerfamilie, und die IT-Firma, die mein Kompagnon dann alleine weiter geführt hat. Hilfe, das ist auch schon zwanzig Jahre her!

Weiter ging es in eine Ecke, die Veronika noch gar nicht gesehen hatte. Hin zur allerersten Wohnung, damals, vor vierzig Jahren. Vierter Stock ohne Aufzug. Im Fenster des unteren Halbgeschosses taucht vor meinem geistigen Auge wieder der einarmige Bandit auf, wie wir ihn damals liebevoll nannten, den einarmigen netten Rentner, der immer rauchend an diesem Fenster stand und freundlich grüßte. Erinerungen an den Umzug werden wach. Vierter Stock. Letzter Akt. Die Waschmaschine. Klein, kompakt, aber anscheinend mit Blei ausgegossen. Im dritten Stock geht bei meinem Kumpel dann nix mehr. "Aus. Ende, Lass sie stehen. Mir egal. Ich sterbe." Natürlich wollte ich dann beweisen, was noch geht. Komm Junge, wir laden mir das Teil auf den Buckel. Zack. Ich dann mit dem Teil alleine die letzte Etage hoch. Gut, dass mien Kumpel direkt mitkam, ich hätte die Maschine allein nicht mehr abladen können. Danach fiel ich zwei Tage ins Koma, glaube ich. Brotlose Künste, wenn man ein starker Kerl sein wollte.

Am Ende der Straße stimmt nix mehr. Die Bäckerei auf der einen Ecke ist weg. Der Kiosk auf der anderen Ecke ist ein Haus weiter um die Ecke gewandert. Mein altes Revier hat sich verändert. Ich auch. Und dann noch der schöne Moment, als Veronika die Katze im Fenster entdeckt. Sehr schön.

Cat's in the cradle

Sie binzelt uns an, müde und zufrieden sieht sie aus in ihrem Logenplatz. Und ich fange in Gedanken an zu singen: 

And the cat's in the cradle and the silver spoon,
Little boy blue and the man on the moon.
"When you comin' home ?"
"Son, I don't know when.
We'll get together then.
You know we'll have a good time then."

Ein sehr schöner Song von Harry Chapin und auch später in der Version von Ugly Kid Joe.

Auf dem Rückweg von dieser letzten Station stehen wir dann einem Haus, das komplett aus dem Rahmen fällt, gestaltungstechnisch. Oh mein Gott, klar, der Bruder meines alten Kumpels wohnt ja hier, seiner Frau gehört die Bude. Ich blinzele mal in den Hof, wo seine Mutter ihr kleines Domizil hat, aber nirgends ein Lebenszeichen zu entdecken, wir gehen weiter. Richtung Veronikas Wohnung, Richtung Kaffee und Kuchen. Nachdem ich sie während unseres ganzen Spaziergangs wahrscheinlich halb ins Koma geredet hab, setze ich das in der Wohnung fort. Zum Schluss muss sie sich noch eine kleine Lesung eines kleinen Textes über einen gewissen Mike Neuhaus anhören, Privatlesung sozusagen, dann ist sie erlöst. Ich muss mich verabschieden, mein Bruder und ich haben einen Termin mit unserem Steuer-Frankie.

Schöne Tage wie diesen habe ich letzter Zeit oft erlebt, und ich hoffe, dass noch viele folgen werden.


08 Oktober 2020

Unverpackter Abschied - auch von Murphy?

Der Abschiedstag - gleichzeitig mit etwas Wehmut, aber auch mit Vorfreude auf daheim verbunden. Glücklicherweise hatte Fabienne heute Morgen Zeit, mit mir im Hotel zu frühstücken. Das Buffet im also-Hotel ist auch sehr nach ihrem Geschmack. Nicht übertrieben oder pompös, aber gut sortiert, frisch und alles in BIO-Qualität. Heute morgen gönnten wir uns Rührei mit und ohne Speck, und auch mein Cornflakes-Müsli-Mix mit vielen frischen Früchten reingeschnippelt war wieder klasse. Das ist einfach in der Preisklasse konkurrenzlos.

Abschiedsstimmung in den Gesichtern

Anschließend chauffierte mich Fabi netterweise zum Geldautomat, denn die Volksbank und auch die Sparad-Bank sind diesbezüglich gegenüber Sparkasse und anderen hoffnungslos im Hintertreffen. Ich finde in der ganzen Stadt gefühlte 3 Geldautomaten, an denen ich mit meiner Volksbankkarte ohne Gebühren abheben kann. Die verbliebene Zeit nutzten wir zum Besuch des unverpackt-Ladens, der auch drinnen einen kleinen Café-Bereich hat. Bei Tee, Kaffee, Espresso und Rhabarberschorle spielte Fabi dann freiwillig den Testhörer für eine ältere Mike-Neuhaus-Geschichte, mit dieser kleinen Privatlesung konnte ich ein wenig in Übung bleiben.

Dann ging es schnell, Verabschiedung von Fabi, Kofferpacken im Hotel, Verabschiedung vom Hotelier, der entgegen meiner ausdrücklichen Anordnung doch noch im Hotel arbeitete, Taxi zum Bahnhof - und gespannte Erwartung, wie es dort weitergeht.

Sollte Ricarda weiterhin recht behalten mit ihrer gewagten These, dass der Bahn-Murphy sich bei seiner letzten Aktion derart verausgabt hatte, dass er mich weiter jetzt in Ruhe lässt? Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Am Bahnhof erwartete mich auf Gleis 1 eine wohlbekannte Botschaft:

IC nach Passau: +5

Da die beiden vorherigen Züge bereits beide mit +10 angekündigt waren, konnte die +5 für meinen IC nur ausgewürfelt sein. Das bereitete mir aufgrund langjähriger Bahnerfahrung keinerlei Kopfschmerzen. Allerdings geschahen in den nächsten Minuten weitere seltsame Dinge:
Den ebenfalls verspätet gemeldeten RE7 verlegte man per Ansage kurz vor seiner Ankunft von hier auf Gleis 3. Es folgte ein Massensprint die Treppen runter und am gegenüberliegenden Bahnsteig wieder hoch. Es stellte sich allerdings dann heraus, dass die Formulierung der Ansage "Auf Gleis 3 fährt nun ein:" nicht zwingend wörtlich zu nehmen ist.
Dafür wurde jetzt hier für 15:20 die RB nach Bonn angekündigt, die nirgends zu sehen war. Und sie blieb auch unsichtbar, wenig später zeigte ein +5 auf der Anzeige, wie das zu verstehen ist.
Nun sprang unser IC Passau ganz nach vorne in der Ankunftsliste. Mittlerweile hatte auch er auf +10 aufgeholt. Das wir zu diesem Zeitpunkt bereits 12 Minuten über die Zeit waren, sei nur am Rande erwähnt. Wahrscheinlich als Ausgleich für diese kleine Diskrepanz verkündete die Ansage nun, dass die Wagen in umgekehrter Reihenfolge einfahren werden. Da mein reservierter Sitzplatz ziemlich in der Mitte des Zugs war, hatte ich nur wenige Meter zu gehen. Um mich herum wuselten dafür die 1.Klasse-Passagiere von einem Ende des Bahnsteigs zum anderen, die Reservierungen vom anderen Zug-Ende genau entgegengesetzt. Was auch immer die Lokführer dazu treibt, 5 Minuten vor Ankunft im Bahnhof auf freier Strecke den Zug zu wenden und verkehrt herum in den Bahnhof zu einzufahren, wird wahrscheinlich eins der letzten ungelösten Rätsel der Menschheit bleiben.

Aber die Hauptsache ist: Der Zug kommt! Und er kam. Mit einer Viertelstunde Verspätung. Mein reservierter Platz war inmitten einer 3-köpfigen Familie, welche den 4er mit Tisch komplett in Beschlag genommen hatte. Aber gegenüber war alles frei, nichts reserviert, und so segelte ich glückselig in Richtung Heimat, in Koblenz erwartete mich bereits der RE5 bis nach Andernach. Home, sweet home!

Als dann noch mein kleinster Bruder auftauchte und sich opferte, mit mir zusammen ein leckeres buntes Gemüse-Backblech aus dem zu schnippeln, was der Gertrudenhof heute frisch geliefert hatte, war der Tag perfekt. Müd und satt, auch ohne Arbeit matt. Ich habe mir vorgenommen, morgen schon einmal meinen Kalender daraufhin zu überprüfen, ob sich nicht demnächst eine Woche förmlich anbietet, die nächste Reise zu machen. Wenn nicht jetzt, wann dann?

23 März 2017

Das Jahr des Steinwurfs


In diesem Jahr fanden gleich drei Großereignisse statt, die das Leben von Mike Neuhaus maßgeblich beeinflussen sollten:
-A- Er wurde 18.
-B- Er flog von der Schule.
-C- Er fuhr nach Italien.
Dies ist keiner der bescheuerten Multiple-Choice-Tests, die mittlerweile auch in der Schule Einzug gehalten hatten. Nein, alle drei Punkte trafen zu!

Punkt A
Zu Punkt A gibt es gar nicht viel zu erklären. Das kam von ganz alleine, Mike musste nur lange genug warten. Und das konnte er schon damals besonders gut. 18! Volljährig! Erwachsen! Wenn das nicht Grund genug war, das ganze Jahr ausgiebig zu feiern! Das machte ihm richtig Spaß. Er zeigte den verheuchelten, spießbürgerlichen Eltern, den bescheuerten, leistungsorientierten Lehrern, der ganzen beschissenen Welt eindrucksvoll, dass er weiß, wie man es richtig krachen lässt. Dass das indirekt zu Punkt B führte, nahm er in Kauf. Im Großen und Ganzen war er bereit, für seine Überzeugungen auch Nachteile hinzunehmen.

Punkt B
Seine Schulnoten hatten in den letzten vier Jahren zunehmend unter den Trainingsvorbereitungen auf die exzessiven Volljährigkeitsfeiern gelitten, sowas musste ja gut und lang einstudiert werden. Seine Eltern hatten ihm als letztes Rettungsangebot die Finanzierung eines zweiwöchigen Italienurlaubs im Sommer zugesagt, als Anreiz dafür, dass er sich endlich zusammenreißen, für die Schule lernen und die Versetzung in die 12 doch noch schaffen sollte. Man wollte mit allen Mitteln seine zweite Ehrenrunde verhindern.
Er würde zum ersten Mal in seinem Leben Urlaub machen, der sich auch so nennen durfte. Über das Sommerzeltlager mit der katholischen Jugendgruppe am nächsten Baggersee war er bisher nie hinausgekommen. Seine Herrschaften pflegten die Schufterei in der Landwirtschaft jedem noch so schönen Urlaub vorzuziehen, für die war Urlaub eigentlich ein Hasswort, wie Gammler oder Heidenkind. Sollte der Sohnemann halt mal zwei Wochen faulenzen, Hauptsache er schaffte die Versetzung in der Schule. Gute Noten waren in ihrer Wertigkeitsskala sehr hoch angesiedelt, etwa so hoch wie der sonntägliche Kirchgang, dessen Auslassen konsequent mit Taschengeldentzug geahndet wurde.
Nicht, dass Mike das Urlaubsangebot in irgendeiner Weise motiviert hätte. Klar, er wollte nach Italien, unbedingt. Die Reise war vom heimischen Sportverein organisiert. Das bedeutete, ein paar Kumpels und einige wunderbare Mädels würden auch dabei sein, hey! Aber dafür in der Schule seinen Arsch zu bewegen, das ging gar nicht. Er war doch nicht bestechlich! Und so versuchte er, das Schuljahr ohne zusätzliche Anstrengungen zu überstehen, sich irgendwie durchzumogeln.
„Wie schaffe ich in einer Deutscharbeit 4 Punkte, ohne das zu analysierende Buch jemals eines Blickes gewürdigt zu haben?“ DAS waren Herausforderungen, da war wirklich Kreativität gefragt!
Als die Zeugniskonferenzen vorbei waren, ohne dass er einen blauen Brief oder Ähnliches zu Hause hätte abfangen müssen, konnte er aufatmen. Irgendwie war er durchgeflutscht, klasse!
Umso größer sein Erstaunen, als eine Woche später sein Physiklehrer Rabenstein, gleichzeitig stellvertretender Rektor des Gymnasiums, ihn zu Beginn der Stunde nach draußen bat und ihm erklärte, dass seine Versetzung noch auf der Kippe stünde und er nun aus dem Stand eine Kursarbeit über das letzte halbe Jahr nachschreiben müsse. Schließlich hing alles von seiner Physiknote ab, die noch unter den 4 Punkten stand, die er gebraucht hätte. Natürlich protestierte Mike heftig, seine Rechte kannte er gut!
„Kursarbeiten müssen zwei Wochen vorher angekündigt werden, dass wissen Sie genau!“.
„Neuhaus, allerletzte Chance, sonst war's das!“
„Damit kommen Sie nie durch, nie!“
Rabensteins Miene versteinerte sich. Mit den Worten „Hier warten!“ ließ er Mike im Flur stehen und kam eine Minute später mit Rektor Nassmann zurück. Nassmann war ungefähr zwei Köpfe kleiner als Mike, aber saugefährlich. Wenn der hochging, brannte die Luft. Und er ging hoch. Der kleine Kerl war plötzlich einen Kopf größer als Mike, so plusterte er sich auf, und aus seinem Mund donnerten Worte wie Felsbrocken in Mike's Gehörgänge. Ruckzuck machte er Mike klar, dass dies tatsächlich seine letzte Chance war. Die genauen Worte, mit denen Nassmann ihm die Angst in die Augen trieb, erreichten seinen Verstand nicht. Den Sinn des Ausbruchs begriff er jedoch augenblicklich: „Schreiben oder sofort von der Schule fliegen!“.
Mike folgte den beiden ziemlich eingeschüchtert nach unten in Rabensteins Zimmer. Vor der Tür wurde der Hausmeister als Wachmann postiert, pfuschen war unmöglich. Und dann übergab ihm Rabenstein die Aufgaben, handschriftlich mit rotem Kuli auf drei Seiten geschrieben, und zehn leere Seiten für die Zwischenrechnungen, alles auf kariertem Papier. „Sie haben 2 Schulstunden Zeit.“ Ende der Ansage!
Rabenstein und Nassmann verließen das Zimmer.
Noch bevor er die Aufgaben betrachtet hatte, ahnte Mike bereits, dass die Wahl des Physik-Leistungskurses ein großer Fehler gewesen war. Dafür würde er nun bezahlen müssen!
„Ok, ganz ruhig, tief Luft holen.“
Mike setze sich an den Schreibtisch und sah sich die erste Aufgabe an. Ein Strichmännchen mit einem Seil in der Hand des ausgestreckten Arms. An dem Seil war ein rundes Etwas befestigt. Und daneben die Aufgabe: Herr Meier dreht an seinem Arm in 1,21 m Höhe ein Seil von 73 cm Länge vertikal um die waagerechte Unterarmachse. Am Seil ist ein Stein mit einem Gewicht von 436 g befestigt. Herr Meier dreht mit der Beschleunigung 0,6 g das Seil und lässt es nach 4,7 Sekunden los.
- In welchem Winkel Alpha verlässt der Stein den Wurfarm?
- Mit welcher Geschwindigkeit v verlässt der Stein den Wurfarm?
- In welcher Entfernung x schlägt der Stein auf dem Boden auf?
Mike wurde es schlagartig kotzübel. Obwohl er saß, spürte er, dass seine Beine wacklig wurden. Alles Blut wich aus seinem Gehirn, stattdessen füllte es sich mit purem Entsetzen. Was war DAS denn? Kein Mensch im Universum konnte diese Aufgabe rechnen! Dafür beschäftigte die NASA ein Team von studierten Experten! Er fragte sich: „Wie komm ich aus der Nummer wieder raus?“ und fürchtete, die Antwort zu kennen: Gar nicht.
Er checkte panisch das Zimmer. Natürlich hatte Rabenstein kein Buch hier stehen lassen, was ihm irgendwie hätte weiterhelfen können. Der alte Drecksack! Hier im Zimmer würde er keine Hilfe bekommen. Raus, er musste raus! Wenn er nur in den Physikraum zurück käme! Dort könnte er in einem Moment reinhuschen, wenn Rabenstein eine seiner kilometerlangen Formeln an die Tafel schrieb. Er würde in der Deckung der Bankreihen langsam über den Boden robben. Bis in die letzte Reihe, wo seine Schultasche stand. Rabenstein würde ihn nicht sehen und seine Mitschüler würden ihn nicht verraten. Und dann – Scheiße, und dann?!? Er hatte natürlich kein Physikbuch mehr eingepackt heute morgen. Die Zeugnisse waren doch schon geschrieben. Was sollte der Mist?! Maurer, sein Platznachbar, würde ihm dann eben sein Physikbuch leihen müssen. Und wehe, der will nicht!
Aber um dorthin zu gelangen, müsste er erst mal aus Rabensteins Büro rauskommen. Nur wie?
Vor der Tür stand dieser Penner von Hausmeister. An dem gab's definitiv kein Vorbeikommen. Aus dem Fenster? Das Fenster! Es war nicht verriegelt. Es führte zwar nur zum kleinen quadratischen Innenhof, ein Stück Wiese mit einer Bank, auf die sich nie einer setzte, aber egal. Er öffnete den Fensterflügel – und sah im gegenüber liegenden Fenster Rektor Nassmann in die Augen. Mike winkte ihm verlegen zu, holte dreimal tief Luft, als wenn die Frischluftzufuhr ihm irgendwie helfen könnte – und schloss das Fenster wieder. Dann gab er endgültig auf, es gab kein Entkommen aus dieser Hölle!
Den Rest der Doppelstunde verbrachte er wie in Schockstarre, die anderen Aufgaben las er sich gar nicht mehr durch. Als es endlich klingelte, bemerkte er, dass seine Finger auf das erste Aufgabenblatt ein zweites Strichmännchen gemalt hatten, ein blaues, direkt neben dem roten, drumherum ein paar Blümchen und einen Luftballon.
Er ließ die Papiere auf dem Schreibtisch liegen und verließ das Zimmer. Der Hausmeister bedachte ihn mit einem mitleidigen Blick und schloss hinter ihm Rabensteins Bürotür ab. Mike ließ ihn wortlos stehen und schlurfte zurück in den Physiksaal. Zum Glück waren die Mitschüler schon raus auf den Pausenhof gestürmt. Einsam packte er seine Tasche und schlappte durch den Seiteneingang raus aus dem Schulgelände. Er wollte niemanden sehen und hören. Eigentlich war jetzt noch eine Doppelstunde Latein angesagt. Der zweite Leistungskurs, den er nie hätte wählen dürfen. Frau Krotz, die blonde, gut aussehende Lateinlehrerin hatte ihn gnadenlos mit 2 Punkten abserviert. Krotz-Kotz, die fehlte ihm gerade noch zu seinem Glück! Der Schulbus, der sie auf die andere Seite des Flusses bringen würde, fuhr erst nach dieser Doppelstunde. Aber sowohl auf Latein als auch auf den Bus verzichtete er heute lieber. Den blöden Fragen der Anderen wollte er lieber aus dem Weg gehen.
Wie in Trance machte er sich zu Fuß auf den Weg. Er wusste, dass er diesen Heimweg, den er in den vergangenen Jahren viele Male gegangen war, nie mehr gehen würde. Und so würde er auch den Blick zurück auf die Schule und die kleine Stadt heute zum letzten Mal betrachten.
Eine Stunde später, zu Hause angekommen, war seine Mutter glücklicherweise im Garten, niemand war im Haus. Er legte sich sofort ins Bett und hatte nur noch den Wunsch zu schlafen und nie mehr aufzuwachen.

Vier Wochen später hatte sich der ganz große Ärger wieder gelegt. Die Schmähungen und Drohungen, die er anfangs über sich ergehen lassen musste, waren heftig gewesen. Seine Mutter hatte ihm mehrfach versichert, dass er irgendwann unter der Brücke enden werde. Jeder Penner bringe heute schon mehr zustande als er. Sein Vater redete kaum mit ihm, sondern zeigte ihm sehr offen, wie enttäuscht er von seinem Ältesten war. Die obligatorische Taschengeldsperre war dagegen ein kleineres Übel. Die Zeit des Feierns war eh vorbei, er durfte sich bis zum geplanten Italienurlaub gar nix mehr erlauben. Folglich brauchte er auch wenig Kohle. Das bisschen, das er für Kippen brauchte, musste er sich solange aus dem Portemonnaie seiner Mutter klauen. Irgendwann hatten seine Eltern wieder einen gemäßigteren Ton angeschlagen. Es war ihnen wohl aufgefallen, dass er ihre Beschimpfungen und Restriktionen nur wortlos hinnahm und keinerlei Spuren von Einsicht zeigte. Und so erfolgten plötzlich unbeholfene Versuche, einen Dialog mit ihm zu führen. Das hatte er schon lange nicht mehr erlebt. Leider fragten sie meist komische Sachen wie „Was stellst Du Dir denn nun vor, wie es weitergehen soll?“ und ähnlichen Quark. Ja, woher sollte er das denn wissen?!? „Keine Ahnung!“ war seine häufigste Antwort.
Seine Mutter legte sich mächtig ins Zeug und schaffte es trotz abgelaufener Frist, ihn noch an einer Privatschule anzumelden, an der er einen weiteren Anlauf Richtung Abitur nehmen konnte. Mike tat so, als freue er sich darüber, und schwupp war die Stimmung seiner Oldies wieder etwas besser. Sogar die Weiterzahlung des Taschengelds wurde erwogen, das wäre der ultimative Hit gewesen. Leider machten seine Eltern das vom regelmäßigen sonntäglichen Kirchgang abhängig. Da würde Mike sich schon was einfallen lassen müssen, um diese Hürde glaubwürdig zu umschiffen. Die machten sich tatsächlich Hoffnungen, er könne von jetzt an das Lernen dem Leben vorziehen und nun endlich zu dem Musterschüler und -studenten werden, den sie sich immer gewünscht hatten.
„Unglaublich, diese Naivität!“

Fortsetzung folgt......

06 März 2017

Auszug aus dem Haus der Gestrandeten oder "U.D.S."

Irgendwann im November war es so gekommen, wie es kommen musste. Die Hausverwaltung hatte allen Mietern im Haus der Gestrandeten schriftlich mitgeteilt, dass die gemeinsame Zeit bald zu Ende gehen wird. Man hatte sich brav für die gute Zusammenarbeit bedankt – und dann wegen Eigenbedarf gekündigt. Zum Glück blieben noch gut vier Monate, sich um etwas anderes zu kümmern. Die Kündigungsschreiben waren in den nächsten Tagen das beherrschende Thema der abendlichen Treffen in Mike's Bude. Ende März mussten alle raus sein.
Kalli und Elke planten, sich in der Nähe von Kallis Elternhaus nieder zu lassen, denn sein Vater würde sich sicher um eine passende Wohnung kümmern. Der würde seinen jüngsten Sohn nicht hängen lassen. Klar, das würde eine Umstellung für Elke sein, aus ihrem gewohnten Umfeld heraus in die nächste Provinzstadt zu ziehen, wo sie nur eine Freundin kannte, wo man einen anderen Dialekt sprach. Wichtig würde die richtige Entfernung zu Kallis Elternhaus sein. Nah genug dran, um Hilfe in Anspruch nehmen zu können, weit genug weg, um nicht ständig von den Alten kontrolliert zu werden.
Der lange Piet von oben hatte sich mit seiner Freundin schon ein Appartement drei Häuser weiter gesichert. Der Kellner aus der Nachbarwohnung wollte näher an seine Arbeitsstelle ziehen, einem vornehmen Restaurant in der Altstadt, ebenso wie Öhrchen aus dem Keller, die zukünftig zu Fuß zum Anschaffen im Roten Haus gehen wollte, weil ihr die nächtlichen Heimfahrten mit der Taxe zu teuer geworden waren. Selbst der Schüttel-Müller aus dem anderen Kellerloch hatte nach kurzer Zeit irgendwo einen neuen Mietvertrag erschwindelt.
So hörte Mike nach und nach von den anderen Mitbewohnern, wie schnell die meisten was Neues gefunden hatten. Daher beschloss er, sich keine Sorgen machen zu müssen. Er vertraute darauf, irgendwas würde sich für ihn ergeben, irgendwas ergab sich immer, wenn man nur lange genug wartete.

Ein anderes seltsames Problem hatte sich klammheimlich in Mike's Gedankenwelt eingeschlichen. Er bekam ab und an das Gefühl, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Nicht oft, aber immer mal wieder. Und er wurde dieses Gefühl an solchen Tagen auch nicht mehr los, wenn es denn einmal da war. Da halfen auch Unmengen von Bier nicht drüber hinweg.
Ein paar Wochen später folgte einer dieser Tage. Er war mit einigen anderen aus der Clique am Ende eines feuchtfröhlichen Abends in Tonis Eckkneipe gelandet. Kalli war schon nicht mehr dabei, Elke hatte ihn nicht mehr gehen lassen, nachdem er sich von Mikes Wohnung aus gerade noch in ihr Appartment auf der anderen Seite des Flurs geschleppt hatte. Dass er dann in einem kurzen Moment der Unachtsamkeit den geöffneten Kleiderschrank mit der Toilette verwechselt hatte, war für Elke Anlass genug, ihn als „vollgesoffene Drecksau“ zu beschimpfen und gleichzeitig die Höchstrafe zu verhängen: Absolutes Ausgehverbot für den Rest des Abends. Tja, Pech gehabt.
Aber Kallis Schwester Rosi war noch mit dabei, die schon seit langem Mikes verstohlene Blicke auf sich zog. Sie war eine gepflegte Frau mit einem schwarzen Kurzhaarschnitt, immer gut gekleidet, aber nie aufgedonnert. Etwas schüchtern wirkte sie, angenehm zurückhaltend. Keine Schönheit aus dem Katalog, aber Mike spürte, dass hinter der verschlossenen Fassade ein übergroßes Herz schlug. Leider war auch ihr Freund Martin mit dabei, ein ziemlicher Honk, der jedoch durch seine ständige Schwarzarbeit immer Kohle hatte. Sein Gesicht wirkte unsauber, er hatte halblange, fettige Haare und einen ungepflegten Schnauzbart, der die gelben schiefen Zähne teilweise verdeckte. Auch kleidungsmäßig war er das ziemliche Gegenteil von Rosi. Kein Mensch verstand, was die beiden zusammen hielt, vor allem, wenn Rosi mal wieder mit dicker Lippe und geschwollenem Gesicht auflief.
Mike hatte das vage Gefühl, dass auch er Rosi nicht ganz gleichgültig war. Aber alle weiteren Vorstellungen waren in seiner internen Wertung in der Kategorie „Undenkbar“ eingeordnet. Darunter gab es nur noch die Rubrik „Unmöglich“, in der befanden sich „Ewig leben“, „Sechser im Lotto“, „Zum Jupiter fliegen“ und ähnliche Hirnfürze.
Martin war zwar ein Idiot, aber er ließ Kalli und Mike ab und zu mitfahren, wenn er einen Zuarbeiter brauchte, der ihm Balken und Rigipsplatten unter's Dach schleppte. Der schwarze Innenausbau war ein einträgliches Geschäft. Die Kohle bar auf die Kralle, das war schon was Genaues. Demzufolge war Martin zwar ein Arsch, aber kein Riesenarsch.
An diesem Abend war sogar der bekloppte Schüttel-Müller aus dem Kellerloch mit in die Kneipe gezogen. Der nippte aber nur an einem einzigen Bier und war als Kerl nicht für voll zu nehmen.
Mit einigen anderen Stammgästen trugen sie an diesem Abend erbitterte Kicker-Turniere aus. Mike war nur ein mittelmäßiger Spieler, was ihn an diesem Abend einige Biere kostete.
Und dann passierte es. In einer Spielpause saß Mike am Tisch, schlürfte sein Bier – und bekam plötzlich seinen Moralischen.
„Ach du Scheiße, was ist denn jetzt los?“ dachte er noch und dann brach es aus ihm heraus, diesmal aber richtig. Er fing an zu flennen, völlig ohne Vorwarnung.
Ok, der Abend war lang gewesen, sie hatten schon kurz nach Mittag begonnen, vorzuglühen und dann kein Ende mehr gefunden, jetzt war es kurz nach Mitternacht und er war voll wie ein Eimer, aber muss man deshalb heulen?! Als Rosi sich zu ihm setzte und fragte, was denn los sei, während sie besorgt seinen Kopf in ihre Hände nahm, war es ganz um ihn geschehen. Es sprudelte unter Tränen aus ihm heraus, dass er doch merke, dass mit ihm etwas nicht stimme, dass es nicht mehr normal sei mit der ständigen Sauferei, und dass er nicht mehr dran vorbeisehen könne, dass er das brauche und aus dieser Nummer alleine nie mehr rauskomme. Dass er nur zu feige sei, um dem Ganzen ein Ende zu bereiten, und so weiter und so weiter. Sein ganzes erbärmliches Leben. Mein Gott!
Als er sich irgendwann wieder gefangen hatte, empfand er eine seltsame Mischung aus Scham und Erleichterung. Sich vor seinen Kumpels so zu blamieren, kam einer persönlichen Bankrotterklärung gleich, machte ihn für immer und ewig zum Gespött aller anderen. Er war die personifizierte Null. Er würde Rosi nie mehr unter die Augen treten können, so peinlich war das. Aber gleichzeitig war da auch so ein Gefühl der Befreiung, etwas ausgesprochen zu haben, was er schon lange ahnte, sich aber nie offen zu denken geschweige denn auszusprechen getraut hatte.
Zwar war er hackedicht und schämte sich so sehr, dass er alles stehen ließ, ohne zu bezahlen einfach raus rannte und sich zu Hause einschloss, aber seit diesem Abend wusste er eigentlich, was mit ihm nicht stimmte. Er schlief nicht sofort ein, obwohl er die nötige Bettschwere längst hatte, er war einfach zu aufgewühlt von dem, was mit ihm passiert war.

Erst viele Jahre später wurde ihm klar, was an diesem Abend geschehen war. Ein Dämon aus den tiefsten Löchern seines Ichs, ein guter Dämon, ein Selbsterhaltungsdämon, hatte für einen kurzen Augenblick den Weg nach oben geschafft, war kurz aufgetaucht, hatte flugs ein Samenkorn in die verseuchte Erde gelegt und war sofort wieder abgetaucht. Seitdem hatte sich dieses Körnchen als sehr robust erwiesen und hatte gekeimt. In den nächsten Jahren hatte es nach und nach kleine Triebe entwickelt, sobald das Klima mal zwei Tage trocken genug war. Das kam selten genug vor, aber es passierte schon mal.
Mike prägte erst später einen neuen Begriff für sich in dieser Zeit. In Anlehnung an die Abkürzung U.F.O. für „Unidentified Flying Object“ war er ein U.D.S., ein „Unidentified Drinking Subject“. Wie sich das anfühlt, dafür musste man nur Ten C.C. auflegen, „The anonymous alcoholics“ hören und den Text dabei verstehen. Eine perfekte Symbiose des Innen- und Außenlebens eines U.D.S.

Am nächsten Tag musste er feststellen, dass Martin & Co. von seiner Heuleinlage gar nichts mitgekriegt hatten, die hatten am Kicker gestanden und waren außerdem selbst zu besoffen gewesen, um überhaupt etwas zu peilen. Der Schüttel-Müller war schon längst daheim gewesen und Kalli war ja erst gar nicht mitgekommen. Lediglich Rosi wusste es, und die hatte offensichtlich niemandem etwas davon erzählt.
Ach Rosi!
Mike hatte wohl noch einmal Glück gehabt und nahm sich vor, zukünftig besser auf sich zu achten und beim kleinsten Anzeichen eines bevorstehenden „Moralischen“ früh genug den Heimweg anzutreten.
Er fühlte sich in den nächsten Tage wie hingeschissen. Er konnte nicht richtig denken, Blockaden schwer wie Wackersteine versperrten die Wege durch seine Gehirnwindungen und lösten sich auch nicht auf, sondern sackten nach und nach tiefer und machten sein Herz sehr schwer.
Das Bier schmeckte irgendwie komisch, und auch die Schwedenkräuter der Hausverwalterin lösten das miese Gefühl nicht auf. Die wies ihn eindringlich darauf hin, dass er nur noch zwei Wochen Zeit habe bis zur Räumung.
Es hatte sich trotz hartnäckigen Wartens nichts für Mike ergeben, niemand hatte ihn angesprochen und ihm eine neue Wohnung angeboten. Sollte er sich mit seiner Abwarte-Taktik verzockt haben? Er erinnerte sich an die Situation drei Jahre vorher. Damals hatte er nach dem angekündigten Rausschmiss aus dem Elternhaus das Ganze mit seinem Kumpel Hannes besprochen, und obwohl seine Eltern ihre Drohung wahrscheinlich nie wahr gemacht hätten, hatte Hannes ihm sofort angeboten, erst mal bei ihm unter zu kommen. Für Mike war das damals DIE Gelegenheit gewesen, seinen Eltern endlich zu zeigen, dass er sich nicht drohen lässt. Und er hatte Hannes' Angebot dankbar angenommen.

Er beschloss, auch diesmal eine ähnliche Taktik anzuwenden. Direkt um die Ecke wohnte in einem kleinen, aber feinen Appartement ein anderer Kumpel, Charlie. Ein Lebenskünstler und Frauenheld wie er im Buche steht. Immer gut angezogen, gepflegt, immer Kohle in der Tasche. Dem würde er seine Not schildern und dann abwarten, ob ein Angebot kommt.
Gesagt, getan. Zwei Tage später erklärte Charlie, dass er seinen Kumpel Mike natürlich nicht auf der Straße sitzen lässt, und bot ihm Asyl in seiner Wohnung an. Allerdings betonte er ziemlich auffällig, dass dies wirklich nur eine kurze Übergangslösung sein könne, denn seine Bude sei zu klein, und seinen hochfrequent rotierenden Damenbesuch irritiere es, wenn plötzlich ein fremder Mann in der Wohnung rumlaufe. „Kurze Übergangslösung“ hörte sich zwar irgendwie nach Stress und Arbeit an. Aber Mike erinnerte sich an einen Spruch seiner Mutter, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird. Und zum wahrscheinlich ersten Mal in seinem Leben fand er einen Spruch seiner Mutter passend. Er würde erstmal zu Charlie ziehen und dann würde man sehen. Irgendwas würde sich schon ergeben.

25 Dezember 2016

Erste Erzählung aus dem "Irgendwas-geht-schon"-Land


Ohne Plan und ohne Lappen

Mikes Ausbildungsplatz als Bauzeichner war ein erstklassiges Beispiel dafür, dass jede Form von Planung im Leben völlig überbewertet wird. Irgendwie ergibt sich immer irgendwas, wenn man nur lange genug wartet, das war seine unumstößliche Lebenseinstellung. Und tatsächlich, es ergab sich wieder etwas in diesem Sommer, an einem trüben Sonntagabend in der heimischen Eckkneipe. Mike hatte gerade Wochenendurlaub vom Bund, 3 Monate hatte er noch abzureißen, bis dieser beschissene Grundwehrdienst beendet war. Zum Bund war er eh nur gekommen, weil er es versäumt hatte, rechtzeitig den Dienst an der Waffe zu verweigern, wie es einige seiner Kumpels gemacht hatten. Egal, Chance vertan, nicht heulen, andere überstehen die 15 Monate auch, hatte er sich letztes Jahr gedacht.
An diesem Abend hatte er bewusst die Eckkneipe gewählt, seine Deckel in der Stammkneipe hatten die Höhe seines monatlichen Wehrsolds längst überschritten. Der Wirt hatte ihm dringlichst geraten, sich nur noch mit entsprechender Kohle sehen zu lassen. Außerdem hingen da einige seiner besten Kumpel rum, von denen er die meisten auch bereits angepumpt hatte. Die 30 Mark, die er in der Tasche hatte, wäre er dort sofort losgewesen. Also saß er allein am Tresen der Eckkneipe und süffelte an seinem dritten Bier. Kein Mensch zum Skat kloppen in Sicht, womit er sich in der Regel die Getränke des Abends finanzierte. Anstatt dessen ging die Kneipentür in seinem Rücken gegen 10 Uhr nochmal auf und er hörte die vertraute Stimme von Paul. Paul Bendler, überall nur Paule genannt, Architekt, genauso oft in der Kneipe wie im Büro. In jeder Kaschemme des Orts bekannt wie ein bunter Hund, und nicht nur im Ort. Typ sympathisches Schlitzohr, immer frisch, beim Zahlen zog er immer Bündel von großen Geldscheinen aus dem Portemonnaie, und Mike hatte keine Ahnung, wie der immer an soviel Kohle kam. Niemand verstand Paule so richtig, weil er keinen Satz zu Ende sprach. Seine Gedanken sprudelten wohl schneller und konfuser aus seinem Kopf direkt ins Sprachzentrum, als seine Zunge nachkam. Paule redete beim Betreten der Kneipe wie so oft mit sich selbst oder seinem Freund Harvey, wer wußte das schon.

„Mann, das ist ja ein Scheißwetter, wir haben doch eigentlich – Ach Moment, ich wollte doch noch – wie spät haben wir denn eigentlich, Moment – Nabend allerseits, was ist denn hier für eine Stimmung, Beerdigungskaffee oder wie – ach egal, mach mal 3 Bier!“
Paule setzte sich zu Mike an den Tresen und begrüßte ihn mit einem kräftigen Schulterklopfer und den Worten „Na, Jung, biste beim Bund?“
Das war natürlich die einzig mögliche Erklärung für Mikes Kurzhaarschnitt.
„Jau sicher, seht ma doch!“
„Wie lang noch?“
„3 Monate, bis Ende September!“
„Und, wie isset?“
„Beschissen!“
„Und wat machste dann?“
„Keine Ahnung, weiß ich doch jetzt noch net!“
„Ich brauche noch en Lehrjung, wär dat nix für Dich?“
„Hää? Als wat dann?“
„Als Bauzeichner! Der Baums Berthold ist doch och bei mir, den kennste doch!“
„Jooah, warom eijentlich net? Wat verdeent ma dann?“
„Im 1. Lehrjahr glaub ich 350, dann wird dat mehr, nach der Prüfung moss ma dann sehn.“
„Ab wann dann?“
„Ab 1.August.“
„Ach Mist, ich bin doch noch bis Ende September beim Bund!“
„Nää, da kannste früher weg, wenn Du ne Lehrstelle hast, ich schreib Dir wat!“
„Ehrlich, dat geht?“
2 Monate den Bund verkürzen, eine göttliche Vorstellung für Mike.
„Jau, klar! Du moss nur morje fröh direkt in der Kasern Bescheid gewe.“
„Joa dann, alles klar, ich wiere Bauzeichner!“
Einen Handschlag und 3 Paule-Biere später war der Handel besiegelt.


Als Mike am nächsten Morgen in der Kaserne dem Spieß sein Anliegen vortrug, die Truppe in 4 Wochen vorzeitig zu verlassen, schaute der ihn an, als hätte er den Verstand verloren. „Gefreiter Neuhaus, die Frist für solche Anträge ist vor ungefähr 3 Monaten abgelaufen!“ „Aber Herr Hauptfeld, ich hab die Lehrstelle doch gestern erst angeboten bekommen, und ich müsste ein ganzes Jahr warten, bis ich die nächste Chance hätte!“
Wahrscheinlich dachte der Spieß wirklich, dass mit Mike etwas nicht stimme, denn er redete plötzlich mit ihm wie mit einem Schwachmaten, ganz langsam und verständnisvoll.
„Neuhaus, jetzt hör mal zu, Junge. Überleg Dir das doch einfach nochmal gut. Wenn Du nochmal drüber schläfst und ..… „ Aber während er noch redete, wurde ihm wohl auch klar, dass dies eine gute Chance sein könnte, den bescheuerten Neuhaus endlich loszuwerden. Er versprach, mit dem Kompaniechef zu reden und mal zu schauen, was sich machen lässt. Noch am gleichen Nachmittag bekam Mike die mündliche Zusage, 2 Tage später hatte er alles mit Stempel und Unterschrift auf dem Tisch: Ausnahmegenehmigung, die Freiheit winkt! Sein zukünftiger Lehrherr hatte es tatsächlich geschafft, den Ausbildungsvertrag in Windeseile zur Kaserne zu bringen und ihn bei der IHK anzumelden. Und so wurde Mike tatsächlich weitere 3 Wochen später ausgekleidet und trat seine Ausbildung zum Bauzeichner an.
Paul Bendler musste leider kurz vor dem Beginn von Mikes Ausbildung seinen Führerschein zum wiederholten Mal abgeben. Er war dreimal besoffen gefahren, oder besser zum dritten Mal besoffen erwischt worden, das bedeutete diesmal 2 Jahre Führerscheinentzug und eine empfindliche Geldstrafe. Daher war Mikes Tätigkeit während der kompletten Lehrzeit von vorne herein klar definiert: Er würde den Chauffeur für Paule spielen.
Aber das ist eine andere Geschichte.
-Fortsetzung folgt-

08 Dezember 2016

Erste Erzählung aus dem Haus der Gestrandeten


Ein Morgen mit Bully

Es hätte ein Novembermorgen wie viele andere sein können. Wäre der gestrige Abend nicht so extrem ausgeufert, dann hätte er wenigstens zwei, drei Stunden Schlaf gehabt. Eine knappe Stunde wurde daraus, zu wenig. Der Wecker holte Mike zu schnell und zu brutal wieder zurück. Dafür bezahlte er mit seinem mechanischen Leben. Nachdem Mike mehrfach hektisch und vergeblich nach dem Knopf zum Ausstellen gesucht hatte, landete der Wecker krachend an der Wand. Es war ein schöner großer Wecker mit zwei metallenen Klingeltöpfen, die von dem dazwischen verankerten Hämmerchen zu einem Höllenlärm getrieben wurden. Das Mike überhaupt den Weg aus dem Bett schaffte, war nur der Tatsache zu verdanken, dass der Dreckswecker nach dem Aufschlag weiter über den Boden zockelte und erbärmliche Töne von sich gab, wie ein verendendes Tier. Ein abgeschossener Vogel, der im Todeskampf um sich schreit, nicht mehr laut, aber dafür mit diesem unerträglichen hohen Schriebsen, das ihm keine andere Wahl ließ als aufzuspringen und seiner Wut freien Lauf zu lassen. Beim finalen Barfußtritt auf das scheppernde Etwas riss er sich auch noch die Ferse auf. Er blutete. Aber wenigstens war jetzt Ruhe.
Er holte tief Luft und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen, mit gefühlten zwei Restpromille und einem stechenden Schmerz im Fuß gar nicht so einfach. Weckerklingeln bedeutete: Vier Uhr morgens. Bis halb fünf mussten sie den Wagen in der Firma abholen. Das hieß: Fünf Minuten für Katzenwäsche, anziehen, Ein Liter Wasser aus dem Kran trinken, Ein Liter aus der Blase ins Klo lassen, gegenüber bei Kalli klopfen.

Dort herrschte schon helle Aufregung. Das tägliche Spiel der Eskalation hatte seinen immer gleichen Lauf bereits angetreten. Elke war beim Versuch, ihren Lebensabschnittsgefährten zu wecken, schon bei wüsten Drohungen angekommen. Das hieß: Gleich kommt die nächste Stufe, kaltes Wasser in Kallis schlafendes Gesicht. Das wiederum brachte stets als Gegenreaktion zuerst sein wütendes Gebrüll, nach der zweiten Kaltwasserspülung Schläge und Elkes Geschrei. Mike konnte das heute nicht ertragen. Er sagte zu Elke: „Ich geh allein los, bin in einer halben Stunde mit dem Wagen da.“ und machte sich auf den Weg. 20 Minuten Fußweg zur Arbeit, heute durch einen fiesen kalten Nieselregen, der ihm auch die letzte Hoffnung auf einen halbwegs guten Tag raubte. Ein Auto konnte sich keiner von ihnen leisten, es war ein schlecht bezahlter mieser Teilzeitjob, die Kohle reichte grad zum Leben.

Mit jedem Schritt nahmen Kälte und Nässe ein Stück mehr Besitz von seiner Kleidung, mit jedem Atemzug an der frischen Luft wich der Restalkohol mehr aus seinem Körper und er fror wie ein Schneider. Als er erschöpft und fertig am Haus des Firmeninhabers ankam, galt es nur noch eine Herausforderung zu meistern: Er musste den Wagen aus dem Hof holen. Eigentlich kein Ding, den Schlüssel für das schmiedeeiserne Hoftor hatte er an seinem Bund. Jedoch lauerte in diesem Hof ein Hund. Bully hieß er, ein passender Name. Die Familie des Inhabers hatte ihnen beim Antritt ihres Jobs versichert, dass der Hund jeden Abend von ihnen persönlich im Zwinger eingeschlossen werde, sie bräuchten sich keine Sorgen zu machen. Sorgen machte Mike vor allem, dass dieses Tier weniger einem Hund glich als einer mannsgroßen Mordmaschine. Da diese Bestie bei jeder kleinsten Bewegung wie ein tollwütiger Ork laut kleffend gegen den Zaun seines Zwingers sprang, war sie zum Glück gut zu orten. Mike hatte trotzdem einen Mordsschiss vor dem Hund. Er hatte es einmal erlebt, dass die Familie vergessen hatte, Bully abends wegzusperren. Und an jenem Morgen war der Mörderhund nicht gegen den Zaun seines Zwingers gesprungen, sondern gegen das schmiedeeiserne Tor, als Mike sich diesem näherte. Die Vorstellung, das Tor wäre dabei aufgegangen, hatte ihn danach einige Nächte lang verfolgt.

Aber an diesem Morgen war alles anders. Kein Geräusch aus dem Hof. Oh Gott, was war das denn nun? Mike klopfte vorsichtig mit dem Schlüsselbund an das Eisentor. Keine Reaktion. Er spinzte durch die Stäbe, doch es war noch viel zu dunkel, um irgend etwas im Hof erkennen zu können. War der Köter tot? Bully war bisher nie durch Verschlagenheit, sondern eher durch pure Aggression aufgefallen. Kaum vorstellbar, dass der wirklich irgendwo lauerte. Wenn er da war, musste er Mike gehört haben. Oder hatten ihn die Inhaber bei einer ihrer exzessiven Feten besoffen gemacht und er schlief irgendwo seinen Rausch aus? Mike fiel nichts anderes ein, als sich langsam vorzutasten. Er entriegelte das Schloss, und begann das Tor millimeterweise zu öffnen. Immer noch keine Reaktion aus dem Hof. Als das Tor soweit geöffnet war, dass er gerade seinen Kopf hätte durchstecken können, blickte er direkt in 2 glühende Kohlen und ein heißer Atem schlug ihm knurrend ins Gesicht. Mike blieben für einen Sekundenbruchteil Herz und Verstand gleichzeitig stehen und er riss in Panik das Tor mit Gewalt zu. Im gleichen Augenblick versuchte sich Bully durch den geöffneten Türspalt auf ihn zu stürzen. Dabei wurde seine Schnauze kurz in der Tür verklemmt und die Kreatur explodierte in wütendem Schmerz. 

Mike stand mit weit aufgerissenen Augen vor dem Tor und irgendetwas in ihm schaltete alle Empfindungen ab. Das war eindeutig zu viel für einen Tag wie diesen. Bully lag blutend und wimmernd hinter dem Tor. Mike empfand weder Kälte noch Angst, als er nun das Tor öffnete und den Hof betrat. Bully sah ihn kurz an und verzog sich dann ängstlich heulend in seinen Zwinger. Dieser Hund konnte ihm keine Angst mehr machen. Zumindest heute nicht.
Mike schnappte sich den Pickup und düste los. Eigentlich sollte er jetzt Kalli abholen, doch heute drehte er seine Runde lieber alleine. Denn das Elend um Kalli und Elke würde er heute nicht auch noch ertragen können.

Als sein Chef ihn nach der Schicht fragte, was denn morgens losgewesen sei, zuckte er nur mit den Schultern und sagte „Einfach ein Scheißtag heute.“