21 November 2019

Kulturkirche zum zweiten

Kurz vor der Abfahrt hatte es gestern noch so ausgesehen, als ob ich alleine nach Kölle fahren müsste, weil der gute Goddy noch im Stau stand. Zum Glück klappte es dann doch noch auf den letzten Drücker und wir setzten uns um halb sechs in den pünktlichen (!) Rhein-Ruhr-Express Richtung Kölle. In Andernach war der Zug noch schön leer, ab Bonn wurde es brechend voll.
Ein Freund und Kollege stieg zwar  am UN-Campus zu, schaffte es jedoch nicht mehr, sich zu uns durchzukämpfen. Da ich den Sitzplatz neben mir ohnehin nicht mehr freihalten konnte, weil eine forsche (ich vermeide das Wort unverschämte) ältere Dame den Platz entgegen all meiner  Anordnungen einfach annektierte, hätte es sich auch nicht gelohnt. Ausstieg Kölle-Süd, zu Fuß zum Barbarossaplatz, Straßenbahn nach Nippes, Lohsestraße, fünf Minuten Fußweg zur Kulturkirche. Hier erwartete uns Karin bereits und da wir zum Glück alle die Gesichtskontrolle am Eingang passieren durften, bekamen wir auch noch Plätze auf einer der vorderen harten und unbequemen Kirchenbänke.
Lutz und ich stellten fest, dass wir auf den Tag genau vor sechs Jahren zusammen am gleichen Ort die gleiche Band gehört haben. Das kann doch kein Zufall sein. Als Ben Cooper pünktlich die Vorband von Jon Bryant ankündigte, war die Kirche bereits so voll, dass viele auf dem Fußboden der Gänge Platz nahmen. Irgendwie war alles wie vor sechs Jahren. Den Anderen gefiel die Vorband wegen der Falsettstimme von Jon Bryant nicht so gut, ich konnte dem  jedoch etwas abgewinnen, erinnerte es mich an eine Mischung aus We are Rome und Frogcodile, die ich beide gerne höre.

Ben Cooper mit seiner bunten Truppe - ein Genuss
Aber dann - nach einer kurzen Umbaupause - begann Ben Cooper mit seinen Jungs. Und ich muss sagen: Auch das war wie vor sechs Jahren, Radical Face machen einfach schöne Musik. Neben neuen Sachen hauten sie auch Klassiker zum Mitsummen raus, die ganze Platte der Trilogie "The Family Portrait" kam zum tragen. Von Always Gold über die Ghost Towns bis zur Zugabe mit dem unvermeidlichen Welcome home aus dem Ghost-Album. Ich konnte an vielen Stellen einfach  nur die Augen schließen, mitsummen und Träumen. Dann spürte ich auch die unbequeme Bank nicht mehr. Obwohl ich wegen der Hörprobleme nur noch mittels Hörgeräte einen verzerrten Eindruck der Musik wahrnehme und von den vornehmlich witzigen Mono- und Dialogen von Ben Cooper (jedenfalls lachte dauernd die halbe Kirche) rein gar nicht verstand, konnte ich die superpositive Stimmung gänzlich aufnehmen.
Als wir später nach einem Sprint durch Nippes auch noch die passende Straßenbahn erwischten, die uns nach Kölle-Süd zurückbrachte und wir den Abendzug nach Hause vor 11 erreichten, saß ich beseelt im Zug und schaute meinen beiden Freunden zu, die gegenüber ihre Müdigkeit auslebten und dabei strahlten. Hach, schön!

17 November 2019

Stairway to the Stars?

"Sind wir alleine im Universum?"
Diese Frage war das Thema der 2.Saffiger Sternennacht, mit der die Barmherzigen Brüder in Saffig heute Abend eine astronomische Ausstellung im Schlösschen eröffneten. Dass ich als alter Sternengucker und begeisterter Science-Fiction-Fan dabei nicht fehlen durfte, versteht sich von selbst. In netter Begleitung von Carmina Magnifica und dem galaktischen Mike T-Bone traf ich um 16:30, eine halbe Stunde vor dem offiziellen Start, im Park ein. So hatten wir Gelegenheit, uns vorab einiges anzusehen, wie z.B. das selbstgebastelte Modell unseres Sonnensystems mit seinen Planeten, selbst der Todesstern aus Star Wars war mit berücksichtigt und hatte am Mars angedockt. Und auch Pluto durfte sich wieder als Planet fühlen.

Unsere Sonne und ihre 9(!) Planeten
 Mein lieber Großneffe vierten Grades, Pascal Nachtsheim, hatte die Ausstellung mit seinem Team geschickt in Szene gesetzt und begrüßte die zahlreich erschienenen Gäste auf gewohnt charmante Art. Mit diesem großen Andrang hatte heute Abend wirklich niemand gerechnet. Prof. Dr. Uli Klein reagierte kreativ und bot an, seinen Vortrag zu verkürzen und dafür zweimal zu halten, denn alle Besucher passten nicht in den kleinen Vortragssaal.

Begrüßung durch P&P: Prof und Pascal
So nutzten wir die erste Stunde u.a. zum näheren Betrachten der ausgestellten fantastischen Weltraumfotos und zum Smalltalk mit anderen Besuchern. Wir diskutierten die Funktionsweise eines galaktischen Spiegels, den man in hundert Lichtjahren Entfernung installieren könnte und andere fundamental wichtige Zukunftsideen. Die Kids bastelten tolle Aliens und fremde Welten, die Mitarbeiter im Schlösschen versorgten uns gut mit Snacks und Drinks und sorgten für ein Wohlfühlklima.

Nach 18 Uhr war es draußen dunkel genug, um die ersten Sterne am Himmel sehen zu können. Die aufgestellten Teleskope taten sich noch ein wenig schwer, die Sterne am Himmel zu finden, aber auch mit dem bloßen Auge konnte man mit zunehmender Dunkelheit den Schwan immer besser am Westhimmel erkennen, wie er mit ausgebreiteten Schwingen zwischen Leier und Adler hindurch die Milchstraße hinunter segelte. Dann war es soweit, die erste Gruppe verließ den Vortragsraum und genauso schnell füllte dieser sich mit der zweiten Welle von Besuchern.

"Sind wir alleine im Universum?"
Diese Frage konnte auch Prof. Dr. Uli Klein letztendlich nicht beantworten. Aber was er dazu an aktuellen wissenschaftlichen Daten präsentierte, war sehr interessant und die vielen Fragen, die er zu diesem Thema aufwarf, regten noch mehr zum Nachdenken an. Es ist schon erstaunlich, wie viele Exoplaneten mittlerweile gefunden wurden, darunter auch einige mit erdähnlichen Atmosphären. Noch unfassbarere ist die ermittelbare Anzahl von erdähnlichen Planeten im gesamten Universum.

Prof. Dr. Uli Klein - kompetent und menschlich
Der Astronom diskutierte dann mit dem Publikum die ernüchternden Fakten, mit denen ein Besuch beim nächstgelegenen bewohnbaren Planeten Proxima B verbunden wäre. Da diese Reise mit aktuellster Technik etwa 40.000 Jahre dauern würde, wäre ein Mehrgenerationen-Raumschiff erforderlich, um dorthin zu kommen. Nach einer Erörterung, welche Menschen und wie viele davon man mitnehmen müsse, welche Vorräte an Nahrungsmitteln und Treibstoff man braucht, mit welchen anderen Problemen das noch verbunden wäre, wurde jedem klar, dass es wesentlich sinnvoller ist, unseren aktuellen Planeten zu erhalten.
Ähnlich groß wären die Chancen für fremde Wesen, zu uns vorzudringen, das sie im gleichen Universum die gleichen Voraussetzungen haben. Und jede Kommunikation mit weiter entfernten Existenzen wird durch die Laufzeit der Funksignale erschwert, die für galaktisch mickrige 10.000 Lichtjahre genau 10.000 Jahre brauchen, um den Anderen zu erreichen. Und nochmal 10.000, bis die Antwort ankommt. Bis dahin hab ich längst vergessen, was ich gefragt habe.

Ein wunderbarer Abend ging zu Ende. Toll gemacht, Pascal! Hoffentlich werden wir noch viele Saffiger Sternennächte erleben.

15 November 2019

Träume - Wesen und Lesen

Carmina Somnia hatte eingeladen - und fast alle kamen. Träume waren das Thema des Leseabends in der Kunstgalerie von Carmen Rakemann in der Andernacher Stadthausgalerie.

Carmen speaking
The crowd listening
Vor geladenen Gästen (ja, ich zählte auch dazu) im überschaubaren Rahmen begrüßte Carmen ihre Gäste. Sie gab einen Einblick in das Thema des Abends, die Träume. Was sie mit uns machen und was wir aus ihnen machen. Nachdem sie die Akteure das Abends kurz vorgestellt hatte, übergab sie an die Malerin Gabriele Specht-Birlem, die uns fortan durch den Abend führte.

Galeria Dreamin' mit Lara und Raffael 
Eröffnet wurde der künstlerische Teil von Lara und Raffael, zwei Geigenschülern der Kreismusikschule, die uns mit California Dreamin' auf schöne Weise zum Thema führten und auch im weiteren Verlauf der Veranstaltung ihr Können unter Beweis stellten.

Gabriele Keiser und die Träume
Anschließend trug die Autorin Gabriele Keiser interessante Passagen aus ihren Regionalkrimis vor, die ebenfalls um Träume kreisten. Vom Apollofalter bis zur Kaltnacht spielen immer wieder Träume eine Rolle in ihren Romanen. Die gekonnt vorgetragenen Passagen fanden den Beifall des Publikums.
Sie stellte auch "ihren" Schreibkurs vor, dem sie seit drei Jahren bei der VHS Andernach als Dozentin vorsteht, und wies auf die Broschüre "Heimat findet man nicht im Duden" hin, welche die Teilnehmer ihres Kurses im Rahmen des Kultursommers Rheinland-Pfalz erstellt hatten

Auch Carmen Rakemann erzählte uns anschließend, was sie dazu gebracht hat, ihre Träume aufzuschreiben und trug zwei berührende Traumtexte vor.

Alles in allem ein schöner, berührender Abend, der für mich persönlich noch ein weiteres Highlight vorrätig hatte. Bereits bei meine Erscheinen kurz vor der Veranstaltung wurde ich an der Tür von einem netten Gesicht mit "Hallo Manfred!" begrüßt. Von einem Gesicht, dass mir bekannt war, aber wer (aus meiner Generation) kennt nicht dieses peinliche Gefühl, wenn man weiß, dass man jemand kennt, aber nicht mehr drauf kommt, woher, geschweige denn, dass einem der Namen einfällt.
Renate, ich, Lara
Also machte ich es, wie die Meisten es wohl in einer solchen Situation machen, überspielte das mit einem ebenfalls freundlichen "Hallo!" und einem schnellen Themenwechsel.  Natürlich merkt die andere Person das sowieso, also ist es eigentlich völlig sinnlos, das überspielen zu wollen. Warum ich es trotzdem versucht habe? Keine Ahnung, in dem Moment ist mein Verstand anscheinend ausgeschaltet und ich laufe auf Autopilot.
Meine heimliche Rückfrage bei Carmen ergab, dass sie auch nur die Tochter kennt und dass die Lara heißt, der Nachname sei irgendwie so ähnlich wie "Weick-Poleski", jedenfalls klang es so, nachdem es sich durch meine Hörgeräte bis zu meinem Verstand durchgekämpft hatte.
Schnell merkte ich während der Lesung, dass mich das ständige "Wer ist das? Ich komm gelich drauf!" in meinem Hinterkopf zu sehr von dem Vortrag ablenkte. In der Pause konnte ich mich dann nicht mehr beherrschen und bat das freundliche Gesicht, mir doch bitte zu sagen, woher wir uns kennen. Und sie stellte sich zu meiner Freude als die frühere Nachbarin meiner Oma vor, wir kommen beide aus dem Kesselheim, sie ist nur unwesentlich jünger als ich ich bin nur unwesentlich älter als sie. Renate!
Live haben wir uns seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen und so konnte ich mir meinen Fauxpas dann auch gut nachsehen. Am Ende der Veranstaltung musste ich dann noch ein schönes Foto unseres Wiedersehens haben (Danke, Andrea!).

08 November 2019

Nacht der Wächter

Am heutigen first friday, der eigentlich ein second friday war, musste ich mit mir ringen, abends überhaupt noch einmal raus zu gehen. Eine ausgefüllte Woche neigt sich dem Ende zu, mit vielen schönen Sachen, aber auch anstrengend. Heute morgen die letzte Führung durch die Klimaladen-Ausstellung, danach zur geliebten Fußpflege, und dann wieder zurück, um beim Abbau der Ausstellung mit zu helfen. Ich spüre so langsam auch, dass ich keine 61 mehr bin.

Am Ende siegt glücklicherweise die Neugier auf das, was ich in den Vorankündigungen gelesen hatte, und ich beschloss, erst um kurz vor sieben loszufahren und etwas früher wieder daheim zu sein.
Das Motto hieß diesmal "Nacht der Wächter" und so begegnete ich auf den Straßen auch einigen Nachtwächtern und anderen mittelalterlich wirkenden Gestalten.
Frida Alfredson in der Galerie
In der Kunstgalerie von Carmen Rakemann war heute Abend das Duo Frida Alfredson zu Gast,  ein Akustik-Duo vom Feinsten. Schon als ich die Stadthausgalerie betrat, hört ich die Stimme von Annette Bersch, die mich bereits bei einem vorherigen Auftritt so fasziniert hatte. Sie hat etwas raubtierhaftes, von sanft schmeichelnd bis zu rauh attackierend, aber immer etwas Geschmeidiges mit drin. Mit der tollen Gitarre von Uli Herschbach zusammen eine echt gute Mischung. Die beiden präsentierten Bekanntes wie "Cry me a river" mit einer ganz eigenen Note, aber auch ein eigenes deutsches Stück "Schön mit Dir" und fanden den Beifall des Publikums.
Onkel Guidos Erzählstunde
Zwischendurch war ich bei der Lesung meines geschätzten Kollegen Guido Krämer, der eine alte Andernacher Sagengeschichte präsentierte, von der ich noch nie etwas gehört hatte. So lauschte ich auf der Hochstraße vor dem Geschäft "Antonia Reiff" der Andernacher Sage vom Schmerzensmann, einer uralten Geschichte, die Guido für das Ferienprogramm High-Five des Jugendamts niedergeschrieben und bereits dort den Jugendlichen präsentiert hatte. Eine Sage, die nachdenklich macht, soviel will ich verraten. Seine Lesung auf offener Straße fesselte zahlreiche Zuhörer und wurde mit Applaus bedacht.

Gegen neun Uhr machte ich mich auf den Heimweg, um mich dem aufgezeichneten Spiel meiner blau-weißen Jungs aus dem tiefen Westen zu widmen, die mit viel Einsatz am Millerntor einen Punkt erkämpften.
Jetzt freue ich mich auf Morgen, wenn die jährliche "Nacht der Technik" im Technologiezentrum der Hwk Koblenz wieder mit vielen tollen Vorträgen aufwartet.