14 Dezember 2020

Wie die Verwandtschaft sich findet

Vieles hat sich getan in den letzten Wochen, einiges habe ich getan, einiges ist passiert. Oft hängt das miteinander zusammen. Ich tu was und dann passiert was. Oftmals etwas ganz anderes als erwartet.
Offenbar gibt es irgendwelche Zusammenhänge, die mein kleines Spatzenhirn nicht versteht, aber immerhin wahrnimmt.

Am meisten tut sich in unserer Familienforschung. Immer wieder tauchen Nachtsheims irgendwo in Deutschland oder auch weltweit auf und fragen interessiert nach Familienzugehörigkeit.
Die meisten heißen oder hießen Nachtsheim, andere wiederum Noxtine, Nachstein oder Nagtzaam, je nachdem, welcher Einwanderungsbeamte in welchem Land zu welcher Zeit diesen Namen gehört und dann den Griffel geschwungen hat. Für manche Nationalitäten ist "Nachtsheim" ein unaussprechlicher Zungen- oder besser Kehlenbrecher, ähnlich wie das Wort Streichholzschachtel für 2 schottische Jungs, die wir vor Jahrzehnten zufällig im Zug trafen und die sich totgelacht haben über eine Sprache, die ein solches Wort erlaubt.

Hier ruhen Einwanderer Anton
aus Andernach und seine Frau Susan
Aus den Noxtines in Florida, die nach der Einwanderung auch den Zweitnamen Curry für Jungs inflationär benutzten, sind übrigens drei Generationen später wieder echte Nachtsheims geworden, obwohl, einer von ihnen hat sich wiederum umbenannt. Als Kevin Nachtsheim sich in California um eine Schauspielerkarriere bemühte, sagte man ihm als erstes, dass er mit diesem für die Amerikaner schwer zugänglichen Namen keine Chance hat, im Movie- und Pop-Business Fuß zu fassen. Seitdem heißt er Kevin Nash und macht ein paar schöne Songs. Sein eingewanderter Vorfahr Anton stammt übrigens aus Andernach.

Die Nachsteins in New York wiederum heißen heute noch Nachstein. Da aber Karl Anton Nachtsheim, aus dem bei der Einwanderung Charles Anthony Nachstein wurde, aus einer Familie des Schrumpftals stammte, weiß man auch nicht, mit welcher dialektischen Einfärbung der sich jenseits des großen Teichs dem Einwanderungsbeamten vorgestellt hat.

Neben den Kontakten zu diesen amerikanischen Familienmitgliedern schließen sich nun auch in Deutschland nach und nach ein paar Wissenslücken. Erfreulich, dass sich kürzlich erst Kölle und Oklahoma City/Duisburg als nahe Verwandte mit gemeinsamer Vergangenheit herausstellten und auch die Einbindung der Nachtsheims aus Wuppertal, Berlin und Österreich mit großen Schritten vorangeht. Das Erfreulichste aus meiner Sicht ist, dass ich verfolgen kann, wie sich darüber immer mehr persönliche Freundschaften untereinander bilden, sogar persönliche Treffen in der Nach-Corona-Zeit verabredet werden. Friede und Freundschaft, diese Grundhaltungen scheinen unter den Nachtsheims sehr verbreitet zu sein, trotz teilweise völlig unterschiedlicher Meinungen und politischer Einstellungen. Und das gefällt mir.

Aber nicht nur die Nachtsheims, auch die Familie Einig bekommt immer mehr Zuwachs, das ist die Familie unserer Großmutter väterlicherseits. So durften wir kürzlich Großcousin Berthold kennen lernen, als wir in Glees (vergeblich) das Geburtshaus der Oma suchten. Zur Großcousine Vroni in Holland und zum Neffen 3.Grades Bernd haben wir schon seit langem Kontakt, zufällig.

Großcousine Marianne in Leutesdorf entdeckte ich ebenso "zufällig", aber das Thema "Zufall" führe ich an dieser Stelle nicht weiter aus, sonst wird es ein Buch statt einem kurzen Bericht.

Ich bin total gespannt, wie sich das weiter entwickelt und auf welche Nachtsheims ich noch "zufällig" stoßen werde.


22 November 2020

Revierbesichtigung in Lützel

Auf dem Weg zur heutigen Verabredung konnte ich den alten Westernhagen-Song nicht mehr aus dem Kopf verbannen, wollte ich ja auch nicht wirklich. Und so gab ich mich im Auto dem schönen Klassiker hin und grölte lauthals mit:

Ich bin wieder hier
In meinem Revier
War nie wirklich weg
Hab mich nur versteckt
Ich rieche den Dreck
Ich atme tief ein
Und dann bin ich mir sicher
Wieder zu Hause zu sein

Wie lange hatte ich mir diese meine alten Wirkungsstätten nicht mehr mit nostalgischen Augen angesehen? Lang lang ist's her. Auch deshalb freute ich mich, dass meine alte Schreibkursfreundin Veronika mich gefragt hatte, ob ich ihr nicht mal eine Führung durch das Quartier bieten möchte, dass seit etwas einem Jahr auch ihre Wohnheimat ist. Wie mochte es dort heute aussehen, wo ich vor vierzig Jahren mit meinem Kumpel Franz zusammen die erste eigene Wohnung bezogen hatte? Und was war aus dem Haus der Gestrandeten geworden, in dem ein gewisser Mike Neuhaus sein Unwesen trieb? Gab es das Haus noch, in dessen 2.Stock eine legendäre verstrahlte WG ihren Platz gefunden hatte? Fragen über Fragen, die mir ein seliges Lächeln aufs Gesicht zauberten. Ebenso wie die liebe Veronika, mit der ich mich an der Sparkasse verabredet hatte.

Und los ging die Tour. Erstmal um die Ecke zur - halt! In dem Eckhaus war doch die alte Stammkneipe, Siggis Kaschemme, in der sich abends die einheimischen Jungs zum Tischfussball um Bierrunden einfanden, und wo spät abends die Mädels aus dem Rotlichtmilieu nach der Schicht noch ein Eierlikörchen schlabberten. Oder auch drei.
Heute eine modernisierte Eventgastronomie, jedenfalls sieht sie von außen schon so aus, dass ich gar nicht versuche zu verstehen, was daran so schön sein soll. Wie aus dem Ei gepellt sieht es aus, der ganze schöne schmuddelige Charme ist weg, den der Mau sich in Jahren hart erarbeitet hatte. Schnell weiter, direkt um die ecke dann der Schock: Die Burschenschaft gibt es immer noch, dieser verpönte Haufen, den ich schon damals nicht abkonnte, hat ein tolles Schild an der frisch renovierten Fassade. Scheiss drauf, weiter um die Ecke ist es endlich da, das Haus der Gestrandeten. Von außen noch keine großen Unterschiede zu erkennen, aber Veronika bemerkt als erste, dass das ehemalige Zimmer des Altstadtkellners neben meinem "Apartment" - dieses Wort kannten wir damals noch gar nicht - nun eine Art Balkon nach innen hat. Ein kleiner Außenbereich hinter der offenen Fassade, Und dann entdeckt sie auch die Tür von dort nach meinem Apartment zu - man hat aus diesen 2 Zimmern eine Wohnung gemacht, mit Innenbalkon. Ok, ist auch besser als diese klitzekleinen Verließe, in denen wir damals hausten.
Am Ende der kurzen Sackgasse - ist es nun gar keine Sackgasse mehr. Das Kasernentor, dass die Straße damals beendete, ist weg, mitsamt der Kaserne. Dafür stehen dort moderne Neubauten mit Moselblick. Ich bin hin- und hergerissen. Schöner ist das heute, viel schöner - aber nicht mehr das, was ich mal kannte! Wenigstens scheint die kleine Kneipe des Getränkevertriebs vor dem Kasernentor noch unverändert. Sogar der gleiche Namen auf dem Briefkasten wie damals. Chapeau! Allerdings sieht das ganze Ensemble ziemlich unbelebt aus. Ein alter Herr sitzt hinter der gläsernen Kneipentür, schaut kurz nach draußen, und dann wieder rein. Ende.

Wir spazieren um die Ecke zur nächsten Memorial-Stätte. Das Haus mit der WG. Aus dem 2.Stock mit Fenster zur Straße konnte man aus einem WG-Zimmer Bierflaschen auf den  Bürgersteig donnern. Wenn wieder einmal die Bullizei im Anmarsch war wg. nächtlicher Ruhestörung, konnte sich man von dort oben ganz gut verteidigen.
Auf den Klingeln kein Name mehr, der mir igendetwas sagt, aber den Hinterhof erkenne ich wieder. Hier landeten die Restmöbel eines Mitbewohners nach dem Auszug, als er sich geweigert hatte, pünktlich seine Bude KOMPLETT geräumt zu haben. Da mussten wir ihm in der Nacht vom 31. auf den 1. zeigen, was KOMPLETT geräumt heißt. HA!

Durch den Lützelhof ging es dann rüber zum Standort meiner alten Firma, direkt neben der Metzgerei. Beides gibt es noch, die Metzgerei mit der gleichen Besitzerfamilie, und die IT-Firma, die mein Kompagnon dann alleine weiter geführt hat. Hilfe, das ist auch schon zwanzig Jahre her!

Weiter ging es in eine Ecke, die Veronika noch gar nicht gesehen hatte. Hin zur allerersten Wohnung, damals, vor vierzig Jahren. Vierter Stock ohne Aufzug. Im Fenster des unteren Halbgeschosses taucht vor meinem geistigen Auge wieder der einarmige Bandit auf, wie wir ihn damals liebevoll nannten, den einarmigen netten Rentner, der immer rauchend an diesem Fenster stand und freundlich grüßte. Erinerungen an den Umzug werden wach. Vierter Stock. Letzter Akt. Die Waschmaschine. Klein, kompakt, aber anscheinend mit Blei ausgegossen. Im dritten Stock geht bei meinem Kumpel dann nix mehr. "Aus. Ende, Lass sie stehen. Mir egal. Ich sterbe." Natürlich wollte ich dann beweisen, was noch geht. Komm Junge, wir laden mir das Teil auf den Buckel. Zack. Ich dann mit dem Teil alleine die letzte Etage hoch. Gut, dass mien Kumpel direkt mitkam, ich hätte die Maschine allein nicht mehr abladen können. Danach fiel ich zwei Tage ins Koma, glaube ich. Brotlose Künste, wenn man ein starker Kerl sein wollte.

Am Ende der Straße stimmt nix mehr. Die Bäckerei auf der einen Ecke ist weg. Der Kiosk auf der anderen Ecke ist ein Haus weiter um die Ecke gewandert. Mein altes Revier hat sich verändert. Ich auch. Und dann noch der schöne Moment, als Veronika die Katze im Fenster entdeckt. Sehr schön.

Cat's in the cradle

Sie binzelt uns an, müde und zufrieden sieht sie aus in ihrem Logenplatz. Und ich fange in Gedanken an zu singen: 

And the cat's in the cradle and the silver spoon,
Little boy blue and the man on the moon.
"When you comin' home ?"
"Son, I don't know when.
We'll get together then.
You know we'll have a good time then."

Ein sehr schöner Song von Harry Chapin und auch später in der Version von Ugly Kid Joe.

Auf dem Rückweg von dieser letzten Station stehen wir dann einem Haus, das komplett aus dem Rahmen fällt, gestaltungstechnisch. Oh mein Gott, klar, der Bruder meines alten Kumpels wohnt ja hier, seiner Frau gehört die Bude. Ich blinzele mal in den Hof, wo seine Mutter ihr kleines Domizil hat, aber nirgends ein Lebenszeichen zu entdecken, wir gehen weiter. Richtung Veronikas Wohnung, Richtung Kaffee und Kuchen. Nachdem ich sie während unseres ganzen Spaziergangs wahrscheinlich halb ins Koma geredet hab, setze ich das in der Wohnung fort. Zum Schluss muss sie sich noch eine kleine Lesung eines kleinen Textes über einen gewissen Mike Neuhaus anhören, Privatlesung sozusagen, dann ist sie erlöst. Ich muss mich verabschieden, mein Bruder und ich haben einen Termin mit unserem Steuer-Frankie.

Schöne Tage wie diesen habe ich letzter Zeit oft erlebt, und ich hoffe, dass noch viele folgen werden.


18 November 2020

Die Klieburjer onn die Jeläser - onn die Zufäll

Einen kurzen Abriss der letzten "zufälligen" Tage musss ich jetzt niederschreiben, bevor ich eine Woche später die Hälfte wieder vergessen hab und die andere Hälfte einfach nicht mehr glauben kann. Ich muss jetzt schon anhand von Kalendereinträgen und Nachrichten mühsam rekonstruieren, was in welcher Reihenfolge passiert ist.
Begonnen hatten die Magical Mystery Tours ja schon vor drei Wochen mit den Irrungen und Wirrungen um die weißen Türme und Kugeln rund ums Brohltal, der geneigte Leser wird sich erinnern, an das hier und das hier.

Letzte Woche Freitag erwähnt mein Bruder, dass die Nachtsheims in Kölle ja für uns immer noch ein totales Rätsel sind. Viele Namen, viele Infos und keine Ahnung, wie das alles zusammen gehört und woher die alle kommen. Ich stimme ihm zu und beschließe, bei Martina aus Kölle nochmal nachzuhaken, denn die wollte uns die Infos aus ihrer Familie geben, kam aber wegen verschiedener Umstände noch nicht dazu. Letzter Kontakt im April diesen Jahres. Ich beschließe, in den nächsten Tagen bei Martina nochmal nachzufragen.
Kurz darauf schickte mir Isabel einen total interessanten Link zum Thema "Zufall". Das hat tatsächlich jemand wissenschaftlich untersucht und der hat festgestellt, dass es zweierlei Zufälle gibt, die zufälligen und die "dasWorthabichvergessen". Der kurze Videoclip zur Einführung ist schon so faszinierend, dass ich beschließe, mich unbedingt weiter damit zu beschäftigen.
Bevor ich überhaupt daran denken kann, Martina aus Kölle zu schreiben, sehe ich eine Nachricht von  Martina:
"Hallo Manfred, ich weiß nicht wie und warum, aber ich sehe Deine Nachricht genau heute!"
Es ist aber nicht die Martina aus Kölle, sondern Martina aus Österreich. Und meine Nachricht, von der sie schreibt, ist vom 10.Februar diesen Jahres. Und sie gibt mir die Informationen über ihre österreichischen Nachtsheims, auf die ich seit Februar warte.

Am nächsten Tag waren wir uns ja dann einig in Einig, dass die Begegnung mit dem älteren Herrn, der uns dann zum Ortsbürgermeister brachte, dessen Frau uns so toll weiterhalf und uns zum Abschied mit selbstgemachten Nussecken bedachte, schon ein komischer Zufall war. Aber ein schöner.

Als wir danach bei Kaffee und Nussecken zusammensitzen, erzähl ich die doppelte Martina-Geschichte meinem Bruderherz, und der staunt genauso wie ich über den unerklärlichen Zufall. Anscheinend ist uns der Gott des Zufalls wohl gesonnen, auch wenn er hier zwei Martinas bei der Gedankenübertragung verwechselt hat. Ich beschließe, die Gunst der Stunde auszunutzen und am Sonntag unbedingt Martina aus Kölle anzuschreiben.

Am Sonntag nach dem Frühstück, so gegen 13 Uhr, kommt eine Nachricht via Messenger an. Von Martina. Aus Kölle. Ja, genau die, die ich gleich erst fragen wollte.
"Hallo Manfred hoffe es geht dir gut? Mein Dad fragt mich gerade ob du mit einer Zahnärztin in Koblenz verwand bist???"
Und von ihr erfahre ich dann, dass ihr Opa aus Koblenz ist und noch vieles, vieles mehr über die Kölner Nachtsheims. HA! Danach brauche ich frische Luft. Da mein Brüderlein unterwegs ist, beschließe ich spontan, nach Wassenach zu fahren und mir dort ein wenig die Beine zu vertreten. Dort bin ich wohl zwanzig Jahre nicht mehr gewesen, früher waren wir ab und an zu Familienfeiern im Gasthaus Müller, dass weitläufigen Verwandten von uns gehörte. Ich parke vor der Klieburger Scheune, die ich mir ohnehin mal anschauen wollte, sonntags ist zum Brötchenverkauf aber nur bis 13 Uhr geöffnet. Als ich dann durch das Dorf schlendere, bestaune ich ein prächtiges Gebäude mit fremdländischen Inschriften, dass mir völlig unbekannt ist.

Buddhistischer Tempel mitten im Ort

Ein freundlicher Herr kommt des Weges, ungefähr in meinem Alter, und fragt mich, ob ich was suche und ob er mir helfen könne. Es entwickelt sich ein schönes und interessantes Gespräch, indem ich erfahre, dass Herr Koll der Eigentümer diese Hauses ist, dass dies ein buddhistischer Tempel ist, dass wir sowohl in Kell als auch in Kesselheim einige gemeinsame Bekannte/Verwandte/Freunde haben. Und außerdem ist er sich sicher, dass ich in Wassenach auch Verwandte hab, denn ich ähnele dem ehemaligen Ortsbürgermeister, als könne ich sein Bruder sein. Der wohne übrigens direkt die Straße hoch.

Nochmal Buddha

Er ist der ungefähr fünfte, der mir dies in den letzten Jahren erzählt. Zwei Freundinnen haben mich vor Jahren schon im Bus einer Kaffeefahrt freudig, aber überrascht begrüßt. "Was machst Du denn hier?". Um dann festzustellen, dass sie mit einem fremden Mann, besagtem Ortsbürgermeister sprachen.
Aber den jetzt aufzusuchen, ist irgendwie zu viel für diesen Sonntag. Erst die doppelte Martina, nun nach dem Erlebnis in Einig der zweite Ortsbürgermeister, ich verschiebe das lieber auf ein anderes Mal.

Zwei Tage später, Dienstags mittags, ruft mich nach langer Zeit Christoph an, ein netter Bekannter/Verwandter, der ebenfalls Familienforschung betreibt. Er hat herausgefunden, dass es über den Laacher Hof in Glees eine weitere verwandtschaftliche Verbindung zwischen uns gibt, und noch vieles mehr. Christoph ist ein sprudelndes Lexikon, der all seine 8.500 Verwandten auswendig kennt und auf Knopfdruck mit Geburtsdatum und 8 Generationen Vorfahren aufsagen kann. Und meine Verwandten noch dazu. Ich bin immer etwas neidisch auf dieses Gedächtnis und werde nie begreifen, wie er das schafft.
Da gerade mein Bruder für einen weiteren gemeinsamen Ausflug im Anmarsch ist, fällt schnell die Entscheidung: Mir fahre nôh Jeläs, dem Geburtsort unserer Oma! Und wir schauen uns den Hof unserer anderen Vorfahren an. Glees ist der Nachbarort von Wassenach, wo ich gestern alleine war.
Wir parken in irgendeinem Sträßchen am Ortsrand und spazieren rund um die kleine Kirche, schauen uns dann im Ort um und gehen auf's Geradewohl los, der Ort ist nur klein, irgendwann werden wir vor dem Laacher Hof stehen, den Christoph beschrieben hat. Durch eine Baustelle müssen wir einen kleine Umweg nehmen, stehen dann am Zisser Berg am Ortsrand und schauen zurück über den Ort. Vor dem letzten Haus bearbeitet jemand seinen Vorgarten. der sieht ganz nett aus, den frage ich einfach, ob er von hier ist und sich auskennt. Gesagt getan, er ist von hier, er kennt sich aus, er ist der Ortsbürgermeister! Und seine Familie kommt auch aus dem Laacher Hof , er ist also sowohl mit Christoph als auch mit uns verwandt.  HA! Und mit ein wenig Glück kennen wir jetzt auch das Elternhaus unserer Oma, dessen Besitzer (auch mit uns verwandt) leider nicht zu Hause war. Da werden wir nochmal hin müssen. Auf der Heimfahrt sind wir beide sehr in Gedanken versunken.

Heute, Mittwoch, zeige ich meinem Bruder, was ich in Wassenach gesehen habe, z.B. den buddhistischen Tempel. Und wir schauen uns an der Kirche und auf dem dahinter liegenden kleinen Friedhof um. Mit den beiden älteren Herrschaften auf der Bank im Friedhof kommen wir ins Gespräch. Über Gott und die Welt und Wassenach und über Agnes und Mathilde, unsere gemeinsamen Bekannten/Verwandten. Eine Beruhigung: Die Frau sagt, dass ich dem ehemaligen Ortsbürgermeister gar nicht ähnlich sehe. Wär ja auch zu komisch. Als der Mann die Metzgerei/Kneipe im Ort mit Namen erwähnt, fällt mir ein, dass meine Klassenkameradin Marita dort zu Hause ist, mit einem aus dieser Familie verheiratet ist. Prompt sagt er mir, in welcher Straße sie wohnt, aber der Straßenname sagt mir nichts. Irgendwann verabschieden wir uns freundlich und latschen weiter auf gut Glück durch den Ort, talwärts Richtung Brohltal. Bis wir an die Abbiegung zur Straße kommen, die er mir genannt hat. Ich überrede meinen Bruder, jetzt diese Straße lang zu gehen, und die ist ziemlich lang. Aber diesmal mit meiner Ansage "Es gibt keine Zufälle! Wenn wir jetzt durch die Straße bis zum Ortsende und wieder zurück gehen, werden wir die Marita sehen, das kann nicht anders sein. Die wird grad in dem Moment irgendwas rausbringen oder vor der Tür machen, wenn wir vorbei gehen!". Wir flanieren bis zum Ende - keine Marita. Ich weiß auch die Hausnummer nicht. Handy raus, telefonbuch.de - zack hab ich die Hausnummer. Aber ich werde nicht klingeln, will niemanden stören. Als wir auf dem Rückweg an besagter Hausnummer ankommen, steht gerade Marita vor der Tür. HA!
Ich wusste das. Echt jetzt. Bin nicht mal wirklich überrascht. Wir freuen uns, uns mal wieder zu sehen und versprechen uns, uns demnächst mal mit mehr Zeit zu treffen. Und genau das werden wir machen. Wahrscheinlich treffen wir vorher noch drei andere Ortsbürgermeister und weitere Martinas, aber das ist ok so. Während unserer Unterhaltung vor der Tür kommt übrigens unser Freund von der Friedhofsbank vorbei. Es ist Maritas Nachbar von gegenüber. Was für ein Zufall.

15 November 2020

Magical Mystery Tour - Gegendarstellung


Nachdem mein kleines Brüderlein sich per Kommentar über meine Berichterstattung zu unserer magisch-mysteriösen Tour vor etwa drei Wochen beschwert hatte, gebe ich ihm natürlich gerne die Gelegenheit, das Ganze aus seiner Sicht zu schildern. Der geneigte Leser wird sich sicher selbst sein Urteil bilden. Wenn er beide Berichte vergleicht, wird ihm die unvergleichliche sachliche Objektivität meines ersten Berichts .... - ok, lassen wir das, lesen Sie selbst, was der Kleine glaubt, erlebt zu haben.
Anzumerken lediglich, dass lil'bro auch noch die Tage 4 und 5 seiner Verwirrung beschrieben hat, während ich mich lediglich auf die Fakten der ersten Tage konzentriert habe.

Here we go:

Vor ein paar Tagen sah ich, dass mein großer Bruder einen Blogeintrag über ein paar sehr eigentümliche Geschehnisse während unserer Wanderungen in der Region geschrieben hatte. Dabei waren ihm ein paar Details entgangen oder vielleicht waren sie ihm auch nicht mehr erinnerlich. Hier nun die Wahrheit, und nichts als die reine Wahrheit über Phänomene der Heimatforschung.

Prolog
In den letzten Wochen habe ich mit meinem großen Bruder fast täglich, wenn das Wetter es zuließ, Spaziergänge unternommen. Dabei waren wir, ganz die neugierigen Ahnenforscher, natürlich in den Gefilden unserer Vorfahren unterwegs. Wir mussten dabei feststellen, dass sich bestimmte Regionen oder Orte auf perfide Weise gegen uns verschworen haben. Gebäude verschwinden plötzlich von der Landkarte um dann an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Orte tauschen und verändern über Nacht ihre Namen, dass es einem ganz wirr im Kopf wird.
Sehr mysteriös.

Tag I
Bei einem dieser Ausflüge, der uns zur "Schönen Aussicht" bei Kell führt, sehen wir unterwegs auf der anderen Seite des Brohltals die Umrisse von Oberniederlützingen. Hier beginnt der schwierige Teil der Mission, denn es gibt zunächst keine richtige Erklärung dafür, warum der eine Ort Ober- und der andere Niederlützingen heißt. Genauer: hieß. Wir schwanken zwischen einer Höhentheorie - der eine Ort liegt höher auf dem Berg als der andere - und der Flusslauftheorie - Niederlützingen liegt weiter flussabwärts am Brohlbach. "Fluss" ist hier eine maßlose Übertreibung, es ist wirklich nur ein Bach.
Dann wird es richtig kompliziert, denn im Zuge einer Gebietsreform wurden die beiden Orte, seit vielen Jahrhunderten eng verbunden, organisatorisch getrennt.
Niederlützingen, Heimat von einigen unserer Ahnen, hieß von nun an Lützing, genauer Brohl-Lützing, denn es war jetzt nur noch ein Teil der Doppelgemeinde Brohl-Lützing. Offenbar war das "Nieder" und das "en" am Schluss den Reformern zu viel geworden. Weg damit!
Den Oberlützingern erging es nicht viel besser. Sie wurden nun ein Ortsteil von Burgbrohl (wie Brohl nur mit Burg) aber beim Verhunzen des Ortsnamens war man etwas gnädiger, die Oberlützinger durften das 'en' am Ende behalten, dafür musste das 'Ober' am Anfang geopfert werden. Die Revolution frisst auch schon mal Ortsnamensenden statt Kinder. 
Und Google, das sollte man auch wissen, nennt einen der Orte nach wie vor Niederlützingen(!). 
Und erwähnt werden muss an dieser Stelle auch, dass Burgbrohl einen Ortsteil namens (hinsetzen, Luft holen) Niederoberweiler hat, der aus den beiden ehemals eigenständigen Orten Niederweiler und Oberweiler gebildet wurde. Wir erkennen: Verwirrung durch Umbenennung hat hier durchaus Methode.
Wir haben es also nun anstatt mit Niederlützingen mit Brohl-Lützing zu tun. Und aus Oberlützingen wurde Burgbrohl-Lützingen. Nicht zu verwechseln mit Brohl, unweit von Einig, im Maifeld, wo sich die Familie Einig(Oma!) auch schon niedergelassen hatten.
Und auch bitte nicht verwechseln mit den nahe gelegenen Ober-/Nieder- -zissen und -dürenbach, die der Volksmund "Zesse" und "Dermerich" nennt. Wenn man also durch das schöne Brohltal fährt, so sollte man sich immer bewusst sein, dass auf den Höhen, und nicht nur dort, ein heimtückisches Namens-Verwirrspiel lauert, das eine wahre Herausforderung werden kann.

Das mit der Höhe passt leider gar nicht, denn per Augenschein ist schon zu erkennen, dass die drei Höhenmeter keinen Ausschlag geben konnten. Also bleibt, in der erklärungssüchtigen Nachtsheim-Weltsicht, nur noch der Bachverlauf als das unwiderlegbare Argument der Namensgebung.


Imagine...
Ich fahre durch das Brohltal und möchte nach Niederlützingen, weiß aber nicht mehr, welcher von den beiden neuen Namen der richtige ist, denn es gibt kein Ober- und Nieder- mehr. Ich weiß nur, dass der Ortsteil, den ich besuchen möchte, ein Teil von irgendwas mit Brohl ist. Also Brohl oder Burgbrohl, nicht zu verwechseln mit Rheinbrohl auf der anderen Rheinseite. Während der Fahrt durchs Brohltal komme ich an einer Reklametafel vorbei, auf der "Brohler" steht. Damit ist jedoch kein Einwohner vom Brohl-Lützinger Ortsteil Brohl gemeint, sondern das Mineralwasser, das in eben jenem Brohl am Rhein, aber nicht in Rheinbrohl, auch am Rhein, abgefüllt wird.Und in Burgbrohl heißt das Mineralwasser ‚Rhodius‘, das ist mal einfach zu merken.
Ich gebe auf, meine Synapsen sind für heute hoffnungslos verknotet. Ich beschließe, den Ausflug nach Niederzissen umzuwidmen. Dort ist es eindeutig, Nieder- heißt Nieder- und Ober- heißt Oberzissen.
Vor mir fährt nun ein Laster mit einer mysteriösen Aufschrift, denn dort steht statt Burgbrohl "Brohlburg"(ein Andernacher Unternehmen).


Z
urück zum Ausflug zur Schönen Aussicht mit meinem Lieblingsbruder.

Wir diskutieren über Ober- und Niederlützingen und halten fest, dass der eine Ort, der von der Schönen Aussicht sichtbar ist, durch einen weithin sichtbaren weißen Turm überragt wird. Vermutlich ein alter Kirchturm oder sonst ein Teil eines jahrhundertealten Bauwerks, das wir unbedingt mal sehen müssen. Zukünftigen Nachtsheim-Ahnenforschern auf Brohltal'scher Perspektivsuche soll dieser Turm ein eindeutiges Unterscheidungsmerkmal sein. Ich beschließe, auf Wikipedia nachzuschauen, zu welchem Lützingen dieser Turm gehört und mir eine solide, einfache Eselsbrücke zu bauen, die ich nicht mehr vergessen kann. Abends spät, mit halb geschlossenen Augen, erzählen mir Google und Wikipedia etwas dazu und ich finde eine Eselsbrücke vom weißen Turm zum Obernieder-Rätsel. Am nächsten Morgen ist von dieser genialen Eselsbrücke nur noch ein nutzloses "Weißenthurm" geblieben. Was mich verzweifeln lässt, denn das ist ein Ort am Rhein.
Note to self: Wikipedia hacken und diesem arglistigen Namensterror ein Ende bereiten!


Tag II
Einen Tag später beschließen wir einstimmig, dass wir die andere Seite des Brohltals besuchen werden, um mit einem ausgedehnten Spaziergang zwischen dem einen und dem anderen -lützing(en), das Mysterium für immer und alle Zeiten zu lösen. Eine schöne Allee mit Obstbäumen zwischen den beiden Orten sollte ausreichend Strecke zum Wandern sein und uns in die Lage versetzen, die Geschichte und den Standort des weißen Turmes final zu klären. 
Wir fahren also nach Oberlützingen, das in Wirklichkeit Burgbrohl-Lützingen heißt, weil es im Flussverlauf weiter OBEN liegt. Ein erster Lichtstrahl im Dunkel des Nachtsheim'schen Erklärbär-Zoos. 
Dort gibt es aber dummerweise keinen Turm und in dem anderen Lützingen, das mal Niederlützingen hieß und jetzt nur noch Lützing heißt, Brohl-Lützing, um genau zu sein, ist von Lützingen aus auch keiner zu sehen. Die Bruderadleraugen suchen den Horizont ab, es stimmt - der weiße Turm in dem anderen Ort, der von der anderen Seite des Brohltales zu sehen war, ist WEG. VERSCHWUNDEN. Wir marschieren mutig los und fragen unterwegs eine nette Dame, die mit ihrem Hund vorbeispaziert, ob "das da" auf der anderen Seite des Brohltales Kell ist und sie bestätigt das mit einem leichten Stirnrunzeln. Ich glaube, im Weggehen auch den Ansatz eines bösartigen Grinsens erkannt zu haben. Ich merke, ich bin etwas verunsichert. 
Aber wir halten fest: auf der anderen Seite des Tales liegt Kell und von dort aus hatten wir am Vortag den weißen Turm gesehen. Das ist gut, zumindest hat das Zeit-Raum-Kontinuum noch Bestand. Wir sind doch nicht in Bi*l*f*ld. 
Aber, was den verflixten Turm angeht, den weißen, sind wir weiter völlig ratlos.
"Das Ding ist entweder über Nacht abgebaut worden oder steht ganz woanders" - der große Bruder ist entsetzt.
Auch wenn ich kein Freund von Verschwörungstheorien bin - so langsam wird es echt unheimlich. Wir beschließen, der Sache auf den Grund zu gehen. Als wir den Ort erreichen, wo der Turm früher stand, sehen wir nur eine Kirchturmspitze, die nicht das gesuchte Objekt der Begierde ist. Meinem unentwegt murrenden Bruder zum Trotze, beschließe ich, weiter zu marschieren.
"Der ist weg, Jung! Weg!" - heißt es aus brüderlichem Munde, der jammernde Unterton signalisert aber sehr deutlich "Genug gelatscht, meine Füße tun weh!".
Aber ich gebe nicht auf.
Und plötzlich... da! Eine Spitze des weißen Turmes taucht auf, um eine Sekunde später wieder, mir nichts, Dir nichts, hinter einem Häuserdach zu verschwinden.
"Wir werden doch vera....t! Die haben eine Attrappe aufgebaut, als wir gestern von Kell aus rüber geschaut haben!" jammert das Bruderherz.
Ich denke nur 'Bielefeld reloaded' und stapfe weiter Richtung Potemkin. Es ist zum Mäusemelken, ab und an taucht eine weiße Turm-Spitze über den Häusern auf, um sich zehn Meter weiter wieder in Luft aufzulösen.
Manni ist mittlerweile ganz in der Verweigerungsphase - "Das bringt doch nix! Wir müssen den ganzen Weg noch zurücklatschen, denk dran! Und das alles wegen eines Turms, den es gar nicht gibt!".
Ich willige resigniert ein - wer widerspricht schon gerne großen Brüdern? Das hat schon vor 50 Jahren kein gutes Ende genommen und ich bin ja, über die Jahrzehnte, lernfähig geworden.
Auf dem Nachhauseweg nehme ich eine andere Route als beim Hinweg. Jetzt geht es auf direktem Wege runter an den Rhein, ohne nochmal mit dem verhexten Brohltal in Berührung zu kommen.
Und dann, am Ortsausgang von "Oberniederlützingen mit dem weißen Turm", da steht er: der Turm! Ein Wasserturm, in hässliches, weißes Plastik eingepackt. Er ist noch nicht mal besonders hoch, obendrauf sind noch ein paar Antennen. 
Die Niederungen der Heimat- und Ahnenforschung, ich habe sie gesehen.


Da steht er, der weiße Turm

Am Ortsausgang genießen wir noch den Blick zum Rhein von einem tollen Aussichtspunkt nahe der Strasse. Zurück geht es dann parallel zur B9, auf der Strecke die wohl mal die alte B9 war, nur erstmal in die falsche Richtung gen Bonn. In Bad Breisig schließlich finden wir Anschluss an die gute alte, neue B9, die uns zurück nach Andernach führt.
Zu Kaffee und Kuchen und diversen Diskussionen über Oberniederbrohllützingburgen und seine unheimlichen weißen Türme. 
Stay tuned...

Tag III
Heute geht es nach Oedingen, dass übrigens nicht Ödingen heißt sondern Oedingen. Mein Navi ist da sehr pingelig. Oedingen mit oe liegt oberhalb von Unkelbach und das liegt irgendwo nördlich von Remagen am Berg. Von da aus kommt man weiter nach Oedingen. Als wir dort hochfahren, habe ich bereits vergessen, warum wir überhaupt dort hin fahren wollten. Etwas anderes hat unsere Aufmerksamkeit erregt und lässt uns nicht mehr los. Eine Art Weltraumbeobachtungskugel in weiß, die hie und da entlang der Strecke in der Ferne sichtbar wird. Ich erinnere mich an einen Sommerausflug nach Bruchhausen auf der anderen Rheinseite. Als ich dort Richtung Rhein bergabwärts fuhr, wurde diese sonderbare Kugel in Form eines überdimensionalen, 100-eckigen weißen Tischtennisballes sichtbar. Ich wusste damals nicht, was es ist und wo es stand.

Jetzt hatten wir es vor Augen, manchmal, und wir wollen, ähnlich der gestrigen Lützingen Discovery Tour, der Sache auf den Grund zu gehen. Und, als ob ich es geahnt hätte, dieses merkwürdige Weltraum-Ei spielt mit uns und verschwindet von der Bildfläche, grad wie es lustig ist.
Von "Ah! Da hinten! Rechts!" bis "WTF ist denn das *** Ding jetzt schon wieder hin?" sind es meist nur Sekundenbruchteile.
Vorgewarnt von den Widrigkeiten der Odyssee vom Vortag, beschließen wir, strategisch vorzugehen. Das heißt, so lange dem Augenschein zu folgen, bis von dem Ei nix mehr zu sehen ist. Oder eben alles. Auf einem Parkplatz schließlich, in der Nähe von Wachtberg oder Berkum, kommt unsere Expedition zum Stillstand und Manni beschließt, das Problem mit Google Maps zu lösen. Während er fluchend darauf wartet, so etwas wie ein Netz zu bekommen, fällt mir siedend heiß ein, dass ich vor ein paar Jahren schon einmal mit Freund Hermann hier war. Und dass wir eine Stunde um den Block fuhren, um dieses blöde Ding zu finden, das sich vor unseren Augen aufzulösen schien. Wir fanden es damals nicht, gaben ziemlich frustriert auf und fuhren unter Absingen schmutziger Seemannslieder nach Hause.

Manni hadert mit dem Schicksal - "Wieder so ein gaaaanz schräges Ding! Die wollen uns nur reinlegen, vermutlich kann man 'es' unsichtbar machen. Und wir werden hier nur vorgeführt! Und jetzt, wo ich das Problem per Internet lösen möchte, kriege ich auf einmal kein Netz! Merkst Du was, Junge? Na, merkste was hier los ist?"
Am Ende fanden wir die Adresse doch noch per Internet, "es" stand gerade mal 700 Meter vom Parkplatz entfernt und wir waren an dem von hohen Zäunen umgebenen Gelände bereits vorbeigefahren. Kurzum: es war ziemlich peinlich.

Die weiße Kugel der Fraunhofer

In Wachtberg, das übrigens nicht Wartburg heißt, steht eine astrologische Messstation des Fraunhofer-Instituts(nur echt ohne e) und die dazugehörige Straße heißt folgerichtig auch Fraunhoferstraße.
Alles macht, vielleicht auch wegen des trüben Wetters, einen etwas verlassenen, fast schon gespenstischen Eindruck. Die militärisch anmutende Einzäunung und das massive Stahltor verstärken noch das ungute Gefühl.
Nach einer kurzen Begehung entlang der Zäune, bei dem die Kugel wieder mal verschwindet, beschließen wir, diese Abenteuerreise zu beenden und uns dem obligatorischen Kaffee und Kuchen zu widmen, der zu Hause auf uns wartet.
Abends fällt mir noch auf, dass es schon wieder diese sonderbaren 'Kleinigkeiten' gab, die dem unbedarften Reisenden gar nicht ins Auge fallen. Ich sage nur: Wartburg, Frauenhoferstraße, Ödingen.

Tag IV
Was war denn das bloß, was uns in den letzten Tagen so an der Nase herumgeführt hat?
Verschwindende weiße Türme und Astro-Eier?
Bi*l*f*ld  lässt grüßen?
Manni bittet mich um ein Photo von Oberniederbrohlburglützingen, von der Keller Seite aufgenommen, auf dem man den weißen Turm sehen kann. Ich finde zunächst keines, dann eines von vor drei Monaten. Darauf finde ich aber keinen weißen Turm, auf einem anderen Photo sind deren zwei.
Ich bekomme echte Panik und googele sicherheitshalber schon mal nach Gimp und Photoshop.
Schlussendlich hat das Schicksal ein Erbarmen, der zweite Turm ist doch kein Turm sondern bloß ein UFO, das zufällig, von der Welt unbeobachtet, an diesem schönen Sommertag auf der grünen Wiese vor Oberniederburglützbrohlingen gelandet war. Oder ein weißer Riesen - Traktor. Oder ein Zirkuszelt. Oder ein paar Riesen-Strohballen in weißer Plastikfolie.
Ich bin erleichtert und schicke das Photo rüber. Der Blogeintrag ist gerettet.

Tag V
Wir touren durch das Brohltal zwecks Verbesserung unserer sichtlich beeinträchtigten Orientierungssinne und stellen mit Entsetzen fest, dass Ober- und Niederzissen die Plätze getauscht haben. Jedenfalls passt die Realität nicht so ganz zur Landkarte im Kopf. Während der Fahrt wird auffällig laut geschwiegen und vermutlich wissen wir uns beide gerade nicht ganz eins mit den Mächten, die die Orte auf den Landkarten festlegen und ändern, ganz wie sie gerade Lust haben. Wenn wir unterwegs sind.
Irgendwann sehen wir den Rhein und dann schwenken die inneren Sensoren automagisch auf "Ortung von Kaffee und Kuchen" um, wir sind wieder versöhnt mit dem Universum.
Ich beschließe vorausschauend, den geplanten Ausflug nach Eulgem und Gamlen ein paar Wochen oder Monate zu verschieben, denn der innere Monk hat schon Eumeln und Gammeln und noch Schlimmeres draus gemacht. Auch Weißenthurm ist gerade keine Option.

Ich schließe die Augen und hoffe auf ein paar einfachere Eingebungen für die nächste Ortserkundung in der näheren Umgebung.
Aber, Karma is a bitch, und kennt kein Erbarmen mehr.
Vor meinem geistigen Auge verbinden sich Kalt, Küttig, Kollig, Keldung und Kehrig mit Kettig, Kärlich und Kattenes zu einer neuen Schiffs-Reiseroute durch die Untiefen einer verhexten Buchstabensuppe.
Auf einem Ortsschild steht 'Kennfus Ueß Dünfus Wirft Schuld Auw Wirfus' und jetzt reicht es mir. Ich verbitte mir und meinem irrlichternden Unterbewusstsein alle weiteren Wortspiele mit Ortsnamen und wende mich mit Inbrunst wieder der Ahnenforschung zu, wo die Nachterschens und die Nechtersheims und Nettesheims und sonstige "so ähnlich wie 'Nachtsheim'" - Familiennamen auf ihre Entwirrung warten.

Epilog
Heute haben wir übrigens von Eich aus die Fraunhofersche Astro-Disko-Kugel auf dem Wachtberg gesehen, die an der Fraunhoferstaße.
Wir waren uns zu 100% sicher, dass das eine Luftspiegelung gewesen sein muss, denn eigentlich ist es technisch unmöglich, dass man das kleine, hinterhältige Ding, das sich bei weniger als drei Kilometern Entfernung vor einem versteckt, mit bloßem Auge aus dieser Entfernung noch sehen könnte. Es bleibt mysteriös...

Soll noch einer sagen, das Leben als ahnenforschender Privatier würde langweilig.

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Schlussbemerkung des blog-Betreibers (und älteren, erfahreneren Bruders):

Den Wahrheitsgehalt dieser Gegendarstellung sollte man sicherlich nicht als wichtigstes ..... ääähm ..... nee is klar, aber der Kleine schreibt einfach super gut.