25 August 2017

Der Ausklang

Ein schöner, aber zu kurzer Stadturlaub geht zu Ende. Für mein letztes Frühstück hat man sogar Waldbeerenmarmelade  aufgetischt. Um kurz nach elf checke ich aus, ein letzter Smalltalk mit der netten Dame an der Rezeption, die sind alle so herrlich normal hier.
Die ursprünglich gebuchte Rückfahrt startete um kurz nach drei auf Fehmarn, Umstieg und Aufenthalt in Hamburg, Weiterfahrt 18:46. Maren ist heute leider unpässlich, daher vertreibe ich mir die Zeit bis dahin in der City.
"Nur noch gerade" das Gepäck am Bahnhof weg schließen. Natürlich muss ich einmal rund um den Bahnhof laufen, um zum ersten Schließfach Bereich zu kommen. 500 Fächer, alle belegt. Eine halbe Bahnhofsrunde weiter im zweiten Bereich ist zum Glück gerade EIN Fach frei geworden. Klappe steht auf, alle starren darauf, ist es kaputt? Neben mir sagt ein junger Service Mitarbeiter "Das ist ok, das können sie nehmen." Schnell wuchte ich meinen Koffer ins Fach. "Jetzt müssen sie die Münzen einwerfen. Sechs Euro.". Super, alle 11 Zwei-Euro-Münzen, die mir der Fahrkartenautomat am Vortag auf einen Fuffi raus gegeben hat, bin ich auf Fehmarn glücklich losgeworden. Nein, Scheine nimmt das Schließfach nicht an. Der Servicemann der Deutschen Bahn kann selbst natürlich auch nicht wechseln, verspricht mir aber, auf meine Koffer aufzupassen, während ich "um die Ecke beim Bäcker" Wechselgeld besorgte.
Ich gehe um die Ecke, wo die Schlange beim Bäcker bis vor den Jungfernstieg geht. Ok, nebenan ein Tabakladen, passt, meine Knakjes sind alle, hol ich direkt neue. Als ich dort nach Rauchwaren von de Olifant frage, verrät das Gesicht der freundlichen Dame, dass sie überlegt, mir den Weg zum Tierpark Hagenbeck zu weisen. Von Knakjes oder Fantjes hat sie jedenfalls noch nix gehört. Wechseln kann sie auch nicht, weil sie "so viel Silbergeld" nicht vorrätig hat (Einen Zehner wollte ich gewechselt haben). Aber sie schickt mich eine halbe Bahnhofsrunde zurück, weil dort, bei der "Deutsche Bahn", werde man mir bestimmt helfen können.

Ich hoffe, der Servicemann hält seine Zusage ein, meinen Koffer zu bewachen, denn bei der "Deutsche Bahn" kann es erfahrungsgemäß ne Weile dauern. Zwei offene Bankschalter - zwei Schlangen. Aber beide nur kurz. Jeder kennt das Problem: Egal in welche Schlange man sich anstellt, es ist immer die, in der es am längsten dauert. Daher wähle ich die kürzere Schlange. Nur zwei Personen. Der erst ist auch schnell fertig, dann gesellt sich ein männlicher Begleiter zu der Dame vor mir. Während in der anderen Schlange acht Personen geholfen wird, diskutieren die beiden mit dem freundlichen jungen Schalterbeamten über - ja über was, wüsste ich auch gerne - sie diskutieren das parallel auch untereinander, wahrscheinlich geht es um die Rettung der Welt oder die Lösung Einstein'scher Formeln. Als sie endlich unverrichteter Dinge und mit mürrischen Gesichtern abziehen, bin ich fast am Ziel meiner Träume. "Nein, wechseln können wir hier nicht," verkündet der freundliche junge Mann, "fragen sie mal nebenan bei den Kollegen vom Gepäckservice, die können ihnen bestimmt weiterhelfen.".
Gedanklich sehe ich mich schon um halb sieben fertig und kleingeldlos zu den Schließfächern zurück kriechen, wo der nette Kollege Aufpasser längst seinen Dienst beendet hat und ich mir keine Sorgen mehr um den Transport von Koffer und Notebook machen muss denn die sind längst weg. Aber ich habe Glück, im Gepäckservice gibt es keine Warteschlange (wahrscheinlich bin ich der erste und einzige, der bis hierhin vorgedrungen ist). Der Kollege dort wechselt schnell und freundlich, und ich bin nach zwanzig Minuten wieder an meinem Schließfach. Der Kollege Aufpasser ist nicht zu sehen, aber mein Gepäck steht noch im offenen Fach. Das Notebook ist noch da. Den Koffer mit der schmutzigen Wäsche hat auch keiner geöffnet, zumindest liegt keiner ohnmächtig vor dem Schließfach. Sechs Euro rein, Fach zu, abgeschlossen, Schlüssel eingesteckt. So einfach kann das Leben sein.
Nur mit dem Rucksack bewaffnet, schlendere ich die Spittaler runter, der Wolsdorff-Tabakladen hat Fantjes vorrätig. Zurück zum Bahnhof und von dort nach St.Georg in die Lange Reihe. Im Hofgarten des Café Uhrlaub serviert mir ein freundlicher Mensch Brokkoli-Auflauf und Johannisbeerschorle, anschließend Espresso Macchiato, und ich verbringe ein schönes Lesestündchen im Garten.
Uhrlaub im Hofgarten
Hier erreicht mich allerdings eine Nachricht der "Deutsche Bahn", die mich stutzig macht. Verspätungalarm! In den Details sehe ich, dass der 15:10 von Fehmarn, in den ich ursprünglich jetzt steigen wollte, eine eigenartige Form von Verspätung hat. Er fährt weder Burg noch sonst irgendeinen Bahnhof bis Hamburg an: Er fährt nicht!
Was das nun in Bezug auf meine reale Reiseplanung bedeutet, kann ich noch nicht richtig einschätzen. Will das Universum mir sagen, dass ich bei meinem ursprünglich geplanten Fehmarn-Urlaub dort gestrandet wäre, dass ich so ab Hamburg aber prima klar komme? Oder will es mir sagen: Egal, was Du machst, ich kriege dich immer und überall?
Geht gleich mein Schließfach nicht mehr auf? Fällt der Zug ab Hamburg auch aus? Heut abend bin ich schlauer.

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Es ist Abend, ich bin schlauer. Die große Anzeigetafel versuchte noch bis kurz vor der geplanten Abfahrt meines Zuges, die beiden vorhergehenden Züge auf diesem Gleis mittels Verspätungen gleichzeitig ankommen zu lassen, überlegte es sich aber im letzten Moment anders und verschob einen Zug nach Italien noch weiter nach hinten.
Als wir alle schon auf dem Bahnsteig warteten, verschwand unser Zug für 5 Minuten komplett von der Anzeige, was einige Reisende maximal nervös machte. Aber dann kam er, fast planmäßig, mein reservierter Platz in Wagen 8 befand sich nur 50 Meter neben dem Ort, wo er laut Wagenstandsanzeiger stehen sollte, das ist in Bahnkreisen fast eine Punktladung. Mein Fensterplatz am Vierer-Tisch war frei, die drei anderen Plätze am Tisch waren mit ähnlich schmalbrüstigen Menschen besetzt. Als die Größe der Sitze damals berechnet wurde, haben noch die kleiner geratenen Neanderthaler Maß gestanden. Aber wir arrangierten uns gut und eben sind in Dortmund alle drei ausgestiegen.
So kann ich meine Mauken jetzt gnadenlos ausstrecken und freue mich, bald wieder daheim zu sein.

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Liveticker Freitag 22:30
Oh Mann, warum schreib ich auch sowas! Jetzt, 10 Minuten nach der gewagten Aussage mit dem Freuen auf Daheim bleiben wir in Düsseldorf verdächtig lange stehen. Und soeben kam die vernichtende Ansage, dass wir wegen einer Streckensperrung nun auf einer Ausweichstrecke über "Opladen" nach Köln fahren und dort 20 Minuten später ankommen. Und die Androhung, dass wir weiter über Änderungen informiert werden.
OPLADEN? Wo zum Teufel ist Opladen?? Vielleicht ein Stadtteil von Bielefeld??? Mein untrüglicher Bahninstinkt sagt mir, das hier was nicht stimmt. Wir stehen übrigens wieder kurz hinter Düsseldorf. Und nichts passiert. Das heißt bei der "Deutsche Bahn" immer, gleich kommt ne neue Ansage.
Und hier ist sie.
22:40: "Meine Damen und Herren, wir halten immer noch auf offener Strecke. Unsere Ausweichstrecke ist nur eingleisig und wir müssen deshalb warten, bis ..... bla bla bla ...".
22:43: Wir fahren wieder. Ganz langsam, aber wir fahren.
23:05: "Köln voraussichtlich +30 Minuten wg. zahlreicher Verzögerungen".
23:22: Wir verlassen Köln mit 24 Minuten Verspätung. Irgendwie scheinen uns weitere Umleitungen über Bielefeld oder Eindhoven doch erspart zu bleiben.

00:08: Daheim!



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