17 Februar 2012

Der lange Weg in den Affärensumpf

So betitelt Spiegel-online das unwürdige Schauspiel, das mit dem Rücktritt des Bundespräsidenten endlich seinen Abschluss gefunden hat.
Was war denn da los? Der Spiegel zählt auf:
- Ein umstrittenes Privatdarlehen
- Urlaub in den Villen reicher Freunde
- Drohungen gegen Journalisten
- Geld für Bücher und Sponsorenwerbung
- .......
Zusammengefasst: Lt. §331 Strafgesetzbuch: Vorteilsnahme im Amt.

Und jetzt erklärt sich dieser Mensch zum Opfer und beklagt:
"Die Berichterstattungen haben meine Frau und mich verletzt" In seiner letzten Rede als Bundespräsident beteuerte Christian Wulff, er habe sich "stets rechtlich korrekt verhalten". Dann bedankte er sich bei seiner Frau.

Ob ihm das vorher niemand erklärt hat, dass er als Bundespräsident genau diese Dinge nicht hätte tun sollte? Vorsorglich beschränkt er das "korrekt" ja immerhin auf das rechtliche, und selbst das ist, siehe §331, mehr als umstritten. Das er so naiv ist, glaubt ihm wohl niemand. Außer seiner Frau.


Wie hätte er es anders machen sollen? Ein paar kleine Tipps:
- Darlehen zu normalen Konditionen bei der Hausbank aufnehmen.
- Urlaub im guten Ferienhaus machen - und dafür bezahlen.
- keine Journalisten bedrohen (auch nicht die BLÖD-Zeitungs-Schmierer).
- kein Geld annnehmen für Bücher oder Sponsorenwerbung.
- usw. usw.
Prinzip verstanden? Hört sich doch gar nicht so schwer an, oder?
Okay, beim schmalen Monatssalär eines Bundespräsidenten ist man vielleicht froh über jede halbe Million, die man sich zu niedrigen Zinsen privat leihen kann. Aber trotzdem: Lieber sonntags ein Stück Fleisch weniger auf dem Teller als diese Vorteile anzunehmen, mit denen man in hohen Ämtern wahrscheinlich ständig konfrontiert ist.
Ich weiß es ja selbst nicht (und werde es wahrscheinlich auch nie selbst erleben), stelle es mir aber so vor: Alle wichtigen Persönlichkeiten in der Politik, vor allem die Entscheidungsträger, werden wahrscheinlich von Freunden aus der Wirtschaft umworben, die nicht ihre Freunde wären, wenn sie Filialleiter bei LIDL wären und mit 3 Kindern in einer 4ZKB-Mietwohnung leben würden. Und wenn man in diesen Positionen überwiegend solche Freunde hat (denn den arbeitslosen Kumpel von nebenan trifft man ja nicht mehr, seit man nicht mehr selbst bei NORMA einkauft), hält man es vielleicht irgendwann für normal, die Villa auf den Kanaren umsonst offeriert zu bekommen, so wie der Kumpel von nebenan einem aus Gefälligkeit mit einer Packung Filtertüten hilft oder einen morgens mit zur Arbeit nimmt, wenn das eigene Auto in der Werkstatt ist. Wahrscheinlich lebt man dann in einer ganz anderen Welt als Otto Normalverbraucher.
Aber spätestens dann, wenn man auf diese Dinge hingewiesen wird, wenn einem andere täglich den Spiegel vorhalten, sieht man es doch (wenn man es sehen will).
Wer es selbst dann noch nicht (ein)sieht, wenn die Fakten auf dem Tisch liegen, hat meines Erachtens größere Anfälle von Realitätsverlust und ist für solche Ämter wirklich nicht mehr der richtige Mann.
Jetzt ist es vorbei, der Gute muss nun sehen, wie er mit dem Ehrensold von 199.000 € pro Jahr bis zum Lebensende hinkommt. Ab jetzt kann er aber wieder angstfrei Privatdarlehen aufnehmen. Kann nur sein, dass ihm ohne Einfluss und Macht ein paar Freunde weniger bleiben, und somit auch ein paar tolle Angebote ausbleiben.

Aber machen wir uns nichts vor, es wird einen Nachfolger geben, der vermutlich auch aus den höheren politischen oder (noch schlimmer) wirtschaftlichen Etagen kommt.
Die Auswahl an Personen, die sowohl integer sind als auch die Bodenhaftung in der realen Welt behalten haben, ist in dieser Klientel im Promillebereich zu suchen. Und sollte man doch jemanden finden, der ehrlich und unbestechlich ist, ich bin mir sicher, dass die Mächtigen ihn zu verhindern wissen.

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