23 März 2017

Das Jahr des Steinwurfs


In diesem Jahr fanden gleich drei Großereignisse statt, die das Leben von Mike Neuhaus maßgeblich beeinflussen sollten:
-A- Er wurde 18.
-B- Er flog von der Schule.
-C- Er fuhr nach Italien.
Dies ist keiner der bescheuerten Multiple-Choice-Tests, die mittlerweile auch in der Schule Einzug gehalten hatten. Nein, alle drei Punkte trafen zu!

Punkt A
Zu Punkt A gibt es gar nicht viel zu erklären. Das kam von ganz alleine, Mike musste nur lange genug warten. Und das konnte er schon damals besonders gut. 18! Volljährig! Erwachsen! Wenn das nicht Grund genug war, das ganze Jahr ausgiebig zu feiern! Das machte ihm richtig Spaß. Er zeigte den verheuchelten, spießbürgerlichen Eltern, den bescheuerten, leistungsorientierten Lehrern, der ganzen beschissenen Welt eindrucksvoll, dass er weiß, wie man es richtig krachen lässt. Dass das indirekt zu Punkt B führte, nahm er in Kauf. Im Großen und Ganzen war er bereit, für seine Überzeugungen auch Nachteile hinzunehmen.

Punkt B
Seine Schulnoten hatten in den letzten vier Jahren zunehmend unter den Trainingsvorbereitungen auf die exzessiven Volljährigkeitsfeiern gelitten, sowas musste ja gut und lang einstudiert werden. Seine Eltern hatten ihm als letztes Rettungsangebot die Finanzierung eines zweiwöchigen Italienurlaubs im Sommer zugesagt, als Anreiz dafür, dass er sich endlich zusammenreißen, für die Schule lernen und die Versetzung in die 12 doch noch schaffen sollte. Man wollte mit allen Mitteln seine zweite Ehrenrunde verhindern.
Er würde zum ersten Mal in seinem Leben Urlaub machen, der sich auch so nennen durfte. Über das Sommerzeltlager mit der katholischen Jugendgruppe am nächsten Baggersee war er bisher nie hinausgekommen. Seine Herrschaften pflegten die Schufterei in der Landwirtschaft jedem noch so schönen Urlaub vorzuziehen, für die war Urlaub eigentlich ein Hasswort, wie Gammler oder Heidenkind. Sollte der Sohnemann halt mal zwei Wochen faulenzen, Hauptsache er schaffte die Versetzung in der Schule. Gute Noten waren in ihrer Wertigkeitsskala sehr hoch angesiedelt, etwa so hoch wie der sonntägliche Kirchgang, dessen Auslassen konsequent mit Taschengeldentzug geahndet wurde.
Nicht, dass Mike das Urlaubsangebot in irgendeiner Weise motiviert hätte. Klar, er wollte nach Italien, unbedingt. Die Reise war vom heimischen Sportverein organisiert. Das bedeutete, ein paar Kumpels und einige wunderbare Mädels würden auch dabei sein, hey! Aber dafür in der Schule seinen Arsch zu bewegen, das ging gar nicht. Er war doch nicht bestechlich! Und so versuchte er, das Schuljahr ohne zusätzliche Anstrengungen zu überstehen, sich irgendwie durchzumogeln.
„Wie schaffe ich in einer Deutscharbeit 4 Punkte, ohne das zu analysierende Buch jemals eines Blickes gewürdigt zu haben?“ DAS waren Herausforderungen, da war wirklich Kreativität gefragt!
Als die Zeugniskonferenzen vorbei waren, ohne dass er einen blauen Brief oder Ähnliches zu Hause hätte abfangen müssen, konnte er aufatmen. Irgendwie war er durchgeflutscht, klasse!
Umso größer sein Erstaunen, als eine Woche später sein Physiklehrer Rabenstein, gleichzeitig stellvertretender Rektor des Gymnasiums, ihn zu Beginn der Stunde nach draußen bat und ihm erklärte, dass seine Versetzung noch auf der Kippe stünde und er nun aus dem Stand eine Kursarbeit über das letzte halbe Jahr nachschreiben müsse. Schließlich hing alles von seiner Physiknote ab, die noch unter den 4 Punkten stand, die er gebraucht hätte. Natürlich protestierte Mike heftig, seine Rechte kannte er gut!
„Kursarbeiten müssen zwei Wochen vorher angekündigt werden, dass wissen Sie genau!“.
„Neuhaus, allerletzte Chance, sonst war's das!“
„Damit kommen Sie nie durch, nie!“
Rabensteins Miene versteinerte sich. Mit den Worten „Hier warten!“ ließ er Mike im Flur stehen und kam eine Minute später mit Rektor Nassmann zurück. Nassmann war ungefähr zwei Köpfe kleiner als Mike, aber saugefährlich. Wenn der hochging, brannte die Luft. Und er ging hoch. Der kleine Kerl war plötzlich einen Kopf größer als Mike, so plusterte er sich auf, und aus seinem Mund donnerten Worte wie Felsbrocken in Mike's Gehörgänge. Ruckzuck machte er Mike klar, dass dies tatsächlich seine letzte Chance war. Die genauen Worte, mit denen Nassmann ihm die Angst in die Augen trieb, erreichten seinen Verstand nicht. Den Sinn des Ausbruchs begriff er jedoch augenblicklich: „Schreiben oder sofort von der Schule fliegen!“.
Mike folgte den beiden ziemlich eingeschüchtert nach unten in Rabensteins Zimmer. Vor der Tür wurde der Hausmeister als Wachmann postiert, pfuschen war unmöglich. Und dann übergab ihm Rabenstein die Aufgaben, handschriftlich mit rotem Kuli auf drei Seiten geschrieben, und zehn leere Seiten für die Zwischenrechnungen, alles auf kariertem Papier. „Sie haben 2 Schulstunden Zeit.“ Ende der Ansage!
Rabenstein und Nassmann verließen das Zimmer.
Noch bevor er die Aufgaben betrachtet hatte, ahnte Mike bereits, dass die Wahl des Physik-Leistungskurses ein großer Fehler gewesen war. Dafür würde er nun bezahlen müssen!
„Ok, ganz ruhig, tief Luft holen.“
Mike setze sich an den Schreibtisch und sah sich die erste Aufgabe an. Ein Strichmännchen mit einem Seil in der Hand des ausgestreckten Arms. An dem Seil war ein rundes Etwas befestigt. Und daneben die Aufgabe: Herr Meier dreht an seinem Arm in 1,21 m Höhe ein Seil von 73 cm Länge vertikal um die waagerechte Unterarmachse. Am Seil ist ein Stein mit einem Gewicht von 436 g befestigt. Herr Meier dreht mit der Beschleunigung 0,6 g das Seil und lässt es nach 4,7 Sekunden los.
- In welchem Winkel Alpha verlässt der Stein den Wurfarm?
- Mit welcher Geschwindigkeit v verlässt der Stein den Wurfarm?
- In welcher Entfernung x schlägt der Stein auf dem Boden auf?
Mike wurde es schlagartig kotzübel. Obwohl er saß, spürte er, dass seine Beine wacklig wurden. Alles Blut wich aus seinem Gehirn, stattdessen füllte es sich mit purem Entsetzen. Was war DAS denn? Kein Mensch im Universum konnte diese Aufgabe rechnen! Dafür beschäftigte die NASA ein Team von studierten Experten! Er fragte sich: „Wie komm ich aus der Nummer wieder raus?“ und fürchtete, die Antwort zu kennen: Gar nicht.
Er checkte panisch das Zimmer. Natürlich hatte Rabenstein kein Buch hier stehen lassen, was ihm irgendwie hätte weiterhelfen können. Der alte Drecksack! Hier im Zimmer würde er keine Hilfe bekommen. Raus, er musste raus! Wenn er nur in den Physikraum zurück käme! Dort könnte er in einem Moment reinhuschen, wenn Rabenstein eine seiner kilometerlangen Formeln an die Tafel schrieb. Er würde in der Deckung der Bankreihen langsam über den Boden robben. Bis in die letzte Reihe, wo seine Schultasche stand. Rabenstein würde ihn nicht sehen und seine Mitschüler würden ihn nicht verraten. Und dann – Scheiße, und dann?!? Er hatte natürlich kein Physikbuch mehr eingepackt heute morgen. Die Zeugnisse waren doch schon geschrieben. Was sollte der Mist?! Maurer, sein Platznachbar, würde ihm dann eben sein Physikbuch leihen müssen. Und wehe, der will nicht!
Aber um dorthin zu gelangen, müsste er erst mal aus Rabensteins Büro rauskommen. Nur wie?
Vor der Tür stand dieser Penner von Hausmeister. An dem gab's definitiv kein Vorbeikommen. Aus dem Fenster? Das Fenster! Es war nicht verriegelt. Es führte zwar nur zum kleinen quadratischen Innenhof, ein Stück Wiese mit einer Bank, auf die sich nie einer setzte, aber egal. Er öffnete den Fensterflügel – und sah im gegenüber liegenden Fenster Rektor Nassmann in die Augen. Mike winkte ihm verlegen zu, holte dreimal tief Luft, als wenn die Frischluftzufuhr ihm irgendwie helfen könnte – und schloss das Fenster wieder. Dann gab er endgültig auf, es gab kein Entkommen aus dieser Hölle!
Den Rest der Doppelstunde verbrachte er wie in Schockstarre, die anderen Aufgaben las er sich gar nicht mehr durch. Als es endlich klingelte, bemerkte er, dass seine Finger auf das erste Aufgabenblatt ein zweites Strichmännchen gemalt hatten, ein blaues, direkt neben dem roten, drumherum ein paar Blümchen und einen Luftballon.
Er ließ die Papiere auf dem Schreibtisch liegen und verließ das Zimmer. Der Hausmeister bedachte ihn mit einem mitleidigen Blick und schloss hinter ihm Rabensteins Bürotür ab. Mike ließ ihn wortlos stehen und schlurfte zurück in den Physiksaal. Zum Glück waren die Mitschüler schon raus auf den Pausenhof gestürmt. Einsam packte er seine Tasche und schlappte durch den Seiteneingang raus aus dem Schulgelände. Er wollte niemanden sehen und hören. Eigentlich war jetzt noch eine Doppelstunde Latein angesagt. Der zweite Leistungskurs, den er nie hätte wählen dürfen. Frau Krotz, die blonde, gut aussehende Lateinlehrerin hatte ihn gnadenlos mit 2 Punkten abserviert. Krotz-Kotz, die fehlte ihm gerade noch zu seinem Glück! Der Schulbus, der sie auf die andere Seite des Flusses bringen würde, fuhr erst nach dieser Doppelstunde. Aber sowohl auf Latein als auch auf den Bus verzichtete er heute lieber. Den blöden Fragen der Anderen wollte er lieber aus dem Weg gehen.
Wie in Trance machte er sich zu Fuß auf den Weg. Er wusste, dass er diesen Heimweg, den er in den vergangenen Jahren viele Male gegangen war, nie mehr gehen würde. Und so würde er auch den Blick zurück auf die Schule und die kleine Stadt heute zum letzten Mal betrachten.
Eine Stunde später, zu Hause angekommen, war seine Mutter glücklicherweise im Garten, niemand war im Haus. Er legte sich sofort ins Bett und hatte nur noch den Wunsch zu schlafen und nie mehr aufzuwachen.

Vier Wochen später hatte sich der ganz große Ärger wieder gelegt. Die Schmähungen und Drohungen, die er anfangs über sich ergehen lassen musste, waren heftig gewesen. Seine Mutter hatte ihm mehrfach versichert, dass er irgendwann unter der Brücke enden werde. Jeder Penner bringe heute schon mehr zustande als er. Sein Vater redete kaum mit ihm, sondern zeigte ihm sehr offen, wie enttäuscht er von seinem Ältesten war. Die obligatorische Taschengeldsperre war dagegen ein kleineres Übel. Die Zeit des Feierns war eh vorbei, er durfte sich bis zum geplanten Italienurlaub gar nix mehr erlauben. Folglich brauchte er auch wenig Kohle. Das bisschen, das er für Kippen brauchte, musste er sich solange aus dem Portemonnaie seiner Mutter klauen. Irgendwann hatten seine Eltern wieder einen gemäßigteren Ton angeschlagen. Es war ihnen wohl aufgefallen, dass er ihre Beschimpfungen und Restriktionen nur wortlos hinnahm und keinerlei Spuren von Einsicht zeigte. Und so erfolgten plötzlich unbeholfene Versuche, einen Dialog mit ihm zu führen. Das hatte er schon lange nicht mehr erlebt. Leider fragten sie meist komische Sachen wie „Was stellst Du Dir denn nun vor, wie es weitergehen soll?“ und ähnlichen Quark. Ja, woher sollte er das denn wissen?!? „Keine Ahnung!“ war seine häufigste Antwort.
Seine Mutter legte sich mächtig ins Zeug und schaffte es trotz abgelaufener Frist, ihn noch an einer Privatschule anzumelden, an der er einen weiteren Anlauf Richtung Abitur nehmen konnte. Mike tat so, als freue er sich darüber, und schwupp war die Stimmung seiner Oldies wieder etwas besser. Sogar die Weiterzahlung des Taschengelds wurde erwogen, das wäre der ultimative Hit gewesen. Leider machten seine Eltern das vom regelmäßigen sonntäglichen Kirchgang abhängig. Da würde Mike sich schon was einfallen lassen müssen, um diese Hürde glaubwürdig zu umschiffen. Die machten sich tatsächlich Hoffnungen, er könne von jetzt an das Lernen dem Leben vorziehen und nun endlich zu dem Musterschüler und -studenten werden, den sie sich immer gewünscht hatten.
„Unglaublich, diese Naivität!“

Fortsetzung folgt......

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