02 September 2016

"Geht gleich los!" bei DEUTSCHE BAHN

Das haben wir in den letzten beiden Wochen des öfteren gehört, scheint so ne Fehmarn'sche Redewendung zu sein. Im Restaurant, "Wir möchten bitte zahlen!" - "Jou, geht gleich los!". "Wir hätten gern noch 2 Bier!" - im Vorbeilaufen "Geht jetzt los!". Und dann ging's auch los.

Heute morgen allerdings fahren mich die Freunde und Gastgeber zum Bahnhof. Am Bahnsteig, schnell nochmal (zum 3.Mal) aufs Ticket geschaut, ok, WAGEN 12, PLATZ 56, 1.Klasse, Nichtraucher. Burg ist ein Sackbahnhof, oder besser ein Sackgleis. Wir rätseln noch, ob die 1.Klasse vorn oder hinten sein wird, weil sich nach der Weiterfahrt ja vorn und hinten gedreht haben. Ich mutmaße nach meinen Erfahrungen mit der Deutschen Bahn, dass es wahrscheinlich da sein wird, wo ich nicht stehe. Wir bleiben am Kopfende des Bahnsteigs stehen. Und dann rollt der Zug ein - zuerst kommt die Lok und dann Wagen 11, 1.Klasse. Ich kann mein Glück kaum fassen, hab mich schon mit schwerem Koffer und Rucksack ans andere Zugende hecheln sehen, als nächstes hält direkt vor meiner Nase: WAGEN 13, 2. KLASSE. Wo ist Wagen 12?
Wo ist Wagen 12?
Hmmh, was nun? Dieser Zug als einzige Direktverbindung zwischen Fehmarn und Nürnberg wird erfahrungsgemäß spätestens ab Bremen richtig voll. Zum Glück erscheint freundliches Zugpersonal am Bahnsteig. Eine Bedienstete in Uniform erklärt mir auf Nachfrage, dass ich Wagen 12 gar nicht reserviert haben könne, weil der erst in Hamburg angehängt wird. Ich müsse mich wohl verlesen haben. Als ich dann zum 4.Mal das Ticket kontrolliere und es ihr zeige, bewirkt dies bei ihr Kopfschütteln und allgemeine Ratlosigkeit. Meine Bemerkung, dass es sicher auch in Wagen 11 einen Platz 56 gebe, quittiert sie mit einer hochgezogenen Augenbraue.
Dann kommt ihr der männliche Kollege zur Hilfe. Auf dem Weg zu Wagen 11 teilt er mir mit, dass man derzeit mangels Strom keine Reservierungen sehen könne. Ich schwinge mich daher erstmal auf Platz 56 in Wagen 11, einen schönen Fensterplatz in einem gänzlich leeren 6er-Abteil. Als kurz darauf die Reservierungen wieder sichtbar sind, weist er mir freundlich den Platz 26 zu, 5 Abteils weiter, in einem ebenso leeren bahn.comfort-Abteil. Hier ist die Chance sehr groß, bis zum Ausstieg eine unbeschwerte Heimfahrt genießen zu können.
Wir rollen los, die Freunde winken am Bahnsteig, die Sonne scheint, ein Tränchen kullert. Und ich erwarte sehr gelassen, welche Überraschungen mir die Deutsche Bahn heute noch bietet.

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Zwischen Lübeck und Hamburg erste kurze Stopps auf offener Strecke, "Technische Betriebsstörung" oder so ähnlich. Ankunft in Hamburg ein paar Minuten später. Weitere Ansagen. An der Zugspitze soll nicht nur der ominöse WAGEN 12 angehängt werden, sondern noch 3 weitere Wagen. "Reisende in der 2.Klasse, die ihre reservierten Plätze nicht finden, können an der Zugspitze nach freien Plätzen in der 2.Klasse suchen" oder so ähnlich. Anschließend Völkerwanderungen drinnen und draußen.
Ich sitze gemütlich in meinem bahn.comfort-Abteil, wo sich nach und nach weitere Gestrandete einfinden. Es ist geräumig und ruhig hier - und moderat klimatisiert.
Wir verlassen Hamburg mit mehr als 20 Minuten Verspätung, meine Zeitplanung scheint aufzugehen. Dass der Zug planmäßig um 16:46 in Koblenz eintrifft, war so wahrscheinlich wie der Friedensnobelpreis für Donald Trump. Da ich erst 1 Stunde später am Bahnhof abgeholt werden kann, könnte diese Planung aufgehen.
Wie sockt unser Kaiser Franz, der Unsägliche: Schaumama!

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Zwischen Bremen und Osnabrück reduzierten wir die Verspätung durch den couragierten Fahrstil des Zugführers auf eine knappe Viertelstunde, was jedoch nach einigen Schleich- und Bummelpausen auf einsamer Landpartie in Münster schon wieder Geschichte ist. Immerhin erfuhren wir unterwegs mittels mehrsprachiger Durchsagen, dass Reisende nach Holland ein Problem haben, da der Zug nach Amsterdam diesmal nicht in Münster halte. Grund seien defekte Oberleitungen in den Niederlanden. Vielmehr sollen Amsterdamfahrer von Osnabrück aus mit dem Regionalzug zu einem mir bis heute unbekannten Grenzstädtchen fahren, von dort würde die niederländische Bahn Ersatzbusse bereit stellen. Man solle den örtlichen Ansagen lauschen. Nach unseren diesbezüglichen Erfahrungen bei der Amsterdam-Tour im Juni diesen Jahres ist zu befürchten, dass man in den nächsten Tagen einige Gestrandete auf verlassenen Bahnhöfen zwischen Neuß und Nevertown einsammeln muss, die diesen Hinweisen Glauben geschenkt haben. Wir erreichen gleich Dortmund und ich bleibe meinem bahn.comfort treu.

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Auch der letzte Teil der Reise verläuft ohne Zwischenfälle. Allerdings steige ich schon in Bonn aus und fahre von dort direkt mit dem Regionalexpress nach Andernach. Eine liebe Freundin holt mich am Bahnhof ab und bringt mich nach einem Thai-Happen nach Hause. Spätestens als ich überlegen muss, welcher Schlüssel auf meine Haustür passt, wo denn die Espressotassen stehen und was meine letzte Notiz auf dem Block überhaupt bedeuten soll, weiß ich, dass ich 2 Wochen lang ganz weit weg war.
Petra schreibt mir eben, dass Jessy immer noch um die Hütte läuft und schnuppert und mich zu suchen scheint. Sie sieht ein wenig traurig aus. Das geht mir jetzt doch nah. Jessy, ich komme wieder!
Jessy neben der (leeren) Wohnhütte


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