23 Juni 2011

Falsche Doktoren im richtigen Leben


Die Aufregung in der politischen Landschaft ist riesengroß:
Silvana Koch-Mehrin (FDP) ist heute von ihren liberalen Kollegen in Brüssel als Vollmitglied in den "Ausschuss für Industrie, Energie und Forschung" berufen worden. Sie tauscht wie vereinbart Ihre bisherige Funktion als Stellvertreter mit Ihrem Parteikollegen Jorgo Chatzimarkakis, der seit 2009 Vollmitglied in diesem Ausschuss war.
Bemerkenswert ist, dass Ihr der Doktortitel von der Uni-Heidelberg gerade wegen Plagiats wieder aberkannt wurde - und dass die Plagiats-Untersuchungen über die Doktorarbeit Ihres Tauschpartners noch laufen. Nach derzeitigem Stand (20.Juni: 71% Plagiatsanteil) ist die Bestätigung der Vorwürfe und auch der Entzug der Doktorwürde in den nächsten Tagen zu erwarten.
Es ist natürlich ein Leichtes, mit der Betrugskeule auf diese verantwortungslosen Politiker einzudreschen. Sie hat ja bereits alle politischen Ämter wegen der Plagiatsvorwürfe abgegeben. Aber an dem lukrativen EU-Job klebt sie natürlich. Und jetzt wird die auch noch befördert! Anhand der Reaktionen besagter Dame schließe ich, dass man mit Ihr bestimmt keine falsche trifft.

“Zur guten wissenschaftlichen Praxis gehört es, in einer Doktorarbeit ordentlich zu zitieren.”
“Zur guten wissenschaftlichen Praxis gehört es aber sicher auch, eine vorgelegte Arbeit ordentlich zu prüfen.”

Schuldbewusstsein: Fehlanzeige. Ok, denkt man, sie ist Spitzenpolitikerin, das wird man wahrscheinlich nicht, wenn man Restspuren einer solchen Charaktereigenschaft in sich trägt. Oder hat jemand irgendwann mal irgendeinen Spitzenpolitiker sagen gehört:

“Was wir da in den letzten Jahren vergeigt haben, das war richtiger Bockmist. Wir waren total auf dem Holzweg. Ich kann mich bei allen, die darunter leiden mussten, nur aufrichtig entschuldigen. Das war mein/unser Fehler!”

Nee, nicht wirklich, oder ? Falls jemand doch eine solche Aussage eines deutschen Spitzenpolitikers kennt, freue ich mich über eine Info.

Aber: Der Doktorvater von Frau Koch-Mehrin hat (lt. Frau Koch-Mehrin) all diese Plagiatsmängel schon damals festgestellt und in einer "hochkritischen" Bewertung festgehalten. Der Zweitgutachter hat sich dieser Bewertung vollständig angeschlossen. Trotzdem hat der Promotionsausschuss der Uni Heidelberg ihr damals den Doktortitel verliehen, ohne sie überhaupt mit Täuschungsvorwürfen zu konfrontieren. Zitat Koch-Mehrin: "Im Gegenteil: die wissenschaftlichen Ergebnisse meiner Arbeit sind bis heute unstrittig und beruhen auf meiner eigenen wissenschaftlichen Leistung."
Was hätte ich an ihrer Stelle getan? Mich gefreut, dass meine schwache Arbeit doch noch so durchgerutscht ist und ich meinen Doktor habe? Oder selbstlos die Annahme des Titels abgelehnt? Das sollte sich jeder mal selbst beantworten.
Die Uni und der Doktorvater haben diese "Verteidigungsstrategie" übrigens schon als unwahr zurückgewiesen. Mein Gott, wem soll man denn noch glauben? Dem Hier:


Aus meiner zugegebenermassen laienhaften Sicht hat dieses Doktor-Arbeits-System größere Mängel. Selbst die Aufdecker sagen, dass kein Doktorvater die Zeit hat, all seine Doktorarbeiten so detailliert zu prüfen, wie das aktuell durch Massen von Freiwilligen via Internet geschieht. Dann bräuchte er in seinem Beruf wahrscheinlich nichts anderes mehr zu machen. Und dass deshalb das Verhältnis von Doktorvater und Doktorand grundsätzlich vom Vertrauen geprägt sein müsse.
Außerdem erfindet wohl kaum jemand in seiner Doktorarbeit das Rad neu und es dreht sich meistens um Erkenntnisse über die Arbeiten anderer, so dass hier mangels neuer Erkenntnisse immer nur auf altes dokumentiertes Wissen zurückgegriffen werden muss. Wenn jede Doktorarbeit Bahnbrechendes wie eine neues Relativitätstheorie enthielte, würden wir heute im Restaurant am Ende des Universums unseren Espresso trinken und solch historische Irrtümer wie Kriege und Tod und Elend gehörten längst der Vergangenheit an.
Oder dreht es sich nur darum, dass man nicht andere schamlos wörtlich zitieren soll, ohne dies zu vermerken? Dreht es sich darum, dass man eine Doktorarbeit mit wirklich "eigenen" Worten verfassen soll, also komplett selbst schreiben/verfassen/erklären, komplett und von der Pike auf? Also neben den fachlichen Fakten auch noch einen "eigenen" guten Schreibstil in die Struktur der Arbeit einbringen soll? Würde das nicht bedeuten, dass jemand für eine solche Arbeit ganz viel Zeit investieren muss und seine sonstigen Aktivitäten (Beruf, Privatleben, politische Arbeit etc.) in dieser Zeit total runterfahren muss?
Fragen über Fragen, wer weiß Antworten?

Kommentare:

Dominik hat gesagt…

Eine Gesellschaft, die Leistung mehr als alles andere wertschätzt lässt ehrgeizigen aber untalentierten Leuten kaum eine andere Wahl als alles mögliche und unmögliche zu versuchen um nach oben zu kommen. Die Pointe ist, dass der Ehrgeiz sich irgendwann wie echte Leistung verkaufen lässt und die Leute wie von selbst weiter und weiter nach oben getragen werden - gerade wenn sie halbwegs nach was aussehen.

Bearbone hat gesagt…

Das ist eine sehr interessante Sicht der Dinge. Könnte so sein, ja. Die Pointe finde ich sehr treffend und leider wahr.
Welche Wahl hätten ehrgeizige untalentierte Menschen in einer anderen Gesellschaft, die nicht so leistungsbezogen ist wie die unsere? Ist es überhaupt wichtig, diesem Personenkreis (aka Politiker) Entwicklungsmöglichkeiten zu offerieren? Vielleicht ein paar ungefährliche Spielräume, damit der Rest vor Ihnen halbwegs geschützt ist?
Ich glaub, das wär ne gute Idee.